PRAXIS 4/97 Bücherschau
Passiert es Ihnen
manchmal, daß Sie Schüler mit Gewalt aus Ihrem
Unterricht der sechsten Stunde hinauswerfen
müssen, weil Sie nach Hause wollen? Daß
Schüler bereit sind, am Nachmittag in die Schule
zu kommen? Dann gehören Sie vielleicht schon zu
der Gemeinde der Lehrer, die bereits e-mail-Projekte
durchführen. Seit einer ganzen Reihe von Jahren
werden e-mail-Projekte im
Fremdsprachenunterricht, vor allem in Englisch,
durchgeführt. Wurden zu Anfang diese
Anstrengungen gern als unnützes wie auch teures
Hobby von Computerfreaks belächelt, das zudem
außerhalb jeder Fachdidaktik lag, hat sich
inzwischen eine ganz andere Bewertung
durchgesetzt. Es wird jetzt der Wert dieser
Maßnahmen ganz uneingeschränkt anerkannt, zumal
inzwischen auch die Fachdidaktik langsam die
Erfahrungen der Pioniere dieser Unterrichtsform
aufarbeitet. Was sind e-mail-Projekte?
Unterrichtsgruppen aus Deutschland
nehmen Kontakt zu Gruppen in den USA oder in
anderen Teilen der Welt auf und kommunizieren auf
englisch, meist zu den von den Lehrern zuvor
ausgehandelten Themen. Die Partner antworten -im
Gegensatz zu einem per Briefpost ausgetragenen
Projekt- zeitnah, womit ein kontinuierliches
Arbeiten möglich ist. Diese Projekte sind
thematisch wie auch zeitlich in jeder Form
gestaltbar. Die Vorteile liegen auf der Hand:
stets suchen wir im Fremdsprachenunterricht nach
direkten Kontakten mit Muttersprachlern, um aus
der Pseudokommunikation im Unterricht eine echte
Kommunikation zu machen, und hier haben wir die
preisgünstige Möglichkeit zur Erfüllung
unserer Wünsche! Wer kann teilnehmen? Es ist mit
der Vorstellung aufzuräumen, daß hier
"Computerfreaks" am Werk wären;
überwiegend nehmen Fremdsprachenlehrer teil, die
die Textverarbeitung beherrschen und bereit sind,
sich mit wenig Aufwand in die Software
einzuarbeiten, mit Hilfe derer die Texte
verschickt und empfangen werden können.
Reinhard Donath,
einer der ganz "alten Hasen" und
Organisatoren im e-mailing, legt hier
eine gut strukturierte Zusammenfassung zum
Vorgehen in e-mail-Projekten vor, die
bestimmt ist von seinen Erfahrungen in der
Fortbildung und den häufig auftretenden
Problemen von Anfängern wie Fortgeschrittenen.
Es werden aufgezeigt die technischen
Voraussetzungen, die Kosten, Praxistips zur
Vorbereitung und Durchführung von Projekten
sowie Projektberichte und Projektvorschläge.
Selbst Anfänger werden nach der Lektüre kaum
noch Fragen haben oder Unsicherheiten verspüren.
Auch wenn sich die Technik und die Projekte
weiterentwickeln, gewisse Grundzüge bleiben
erhalten und bilden die Basis weiteren Arbeitens.
Es ist schön, daß nun endlich eine kurzgefaßte
und gut verständliche Darstellung der Arbeit mit
e-mail-Projekten vorliegt.
MARTIN LICHTE
aus:
PRAXIS des neusprachlichen Unterrichts 4/97
E-Mail-Projekte
im Englischunterricht
Authentische
Kommunikation mit englischsprachigen
Partnerklassen
Reinhard Donath.
Reihe: Computerpraxis Fremdsprachen. Ernst Klett
Verlag, Stuttgart 1996, 63 Seiten DIN A4, DM
17,80
Um es vorweg zu
sagen: Wer ein E-Mail-Projekt im
Englischunterricht beginnt, ohne vorher dieses
Buch zu Rate zu ziehen, macht einen Fehler. Wer
es liest, dem wird der Einstieg in die Arbeit mit
dem in der Schule noch relativ neuen Medium enorm
erleichtert. Donaths Buch, aus der Praxis heraus
für die Praxis geschrieben, bietet eine große
Fülle von Ideen, Tips und Beispielen, und
darüber hinaus wird der didaktische Hintergrund
sorgfältig reflektiert.
Im 1. Kapitel
("Didaktischer Hintergrund") werden
pädagogische und fachdidaktische Schlagwörter
und Begriffe -z. B. Interkulturelles Lernen,
Offener Unterricht, Methodenkompetenz,
Fächerübergreifender Unterricht, Arbeit mit
authentischen Texten, communicative approach
usw.- mit Inhalt gefüllt, und Sinn und
Stellenwert von schulischen E-Mail-Projekten
werden klar herausgestellt.
Im 2. Kapitel
("E-Mail und das Internet") erklärt
Donath kurz, wie electronic mail
funktioniert und benennt die Vor- und Nachteile
im Vergleich zu Klassenkorrespondenz per "snail-mail"
und Fax. Ausführlich widmet er sich der Frage,
ob E-Mail-Projekte ein Ersatz für das Lehrbuch
sein können und kommt zu dem Ergebnis, daß
Englischbücher keineswegs überflüssig werden,
daß die landeskundlichen Lehrbuchinformationen
aber sehr wohl durch authentische Kommunikation
ergänzt bzw. überprüft werden können. Im 3.
Kapitel ("Technische Voraussetzungen")
werden dann ganz konkret Lehrerfragen
beantwortet: Müssen Englischlehrer, die an
E-Mail-Projekten teilnehmen wollen,
Computerfreaks sein? Welche Computer und
Programme sind für E-Mail-Projekte notwendig?
Welche Kosten kommen auf die Schulen zu? Die
"Praxistips für die Vorbereitung eines
E-Mail-Projekts" (Kapitel 4) zeugen von viel
Erfahrung und sind in Form von Checklisten so
detailliert, daß ein(e) Anfänger(in) damit
durchaus einen ersten praktischen
Unterrichtsversuch wagen kann. Es wird
aufgezeigt, wie man (auf elektronischem Wege)
Partnerschulen für ein solches Projekt gewinnen
kann, welcher zeitliche Rahmen und welche Themen
sinnvoll sind, wie organisatorische Probleme
gelöst werden können (z. B. Nutzung des
Computerraumes), und wie im Rahmen eines solchen
Projektes Klassenarbeiten geschrieben und
Zensuren erteilt werden können. Es ist gut, daß
Donath bei allem Enthusiasmus, der er der Arbeit
mit E-Mail-Projekten entgegenbringt, nicht
versäumt, auch auf mögliche Pannen und
Störungen einzugehen.
Ausführlichen
Raum nehmen in dem Buch
"Projektberichte" (Kapitel 5) ein.
Interessant, daß -sieht man einmal von den
geschilderten eigenen Unterrichtserfahrungen des
Autors ab- alle Projektberichte von Lehrerinnen
(zumeist Referendarinnen) stammen, womit das
Vorurteil, daß Frauen neuen Technologien weniger
aufgeschlossen gegenüberstehen, zumindest in
diesem Fall eindrücklich widerlegt wird.
Drei der vier
geschilderten Projekte wurden mit amerikanischen
Schulen durchgeführt, dabei lauteten die Themen:
"American High Schools",
"What we Know About Each Other -
American Lifestyle in Comparison with German
Lifestyle" und "The Perfect
School". Bei dem letztgenannten Projekt
war auch eine schwedische Schule beteiligt. Bei
zwei der genannten Projekte erfolgte der
Nachrichtenaustausch nicht vom Computerraum der
Schule aus (kein Modem!), sondern vom privaten
Arbeitszimmer der betreffenden Lehrerinnen! Alle
Berichte zeugen von hohem Engagement und großer
Motivation bei Unterrichtenden und Lernenden. Als
wichtige Ziele von E-Mail-Projekten werden in den
beschriebenen Unterrichtsversuchen und im
theoretischen Teil des Buches u.a.
herausgestellt, daß die Schülerinnen und
Schüler
- eine positive
Haltung zum Englischunterricht aufbauen,
und es als nützlich und wertvoll
erachten, sich in der englischen Sprache
äußern zu können;
- durch die
Arbeit mit e-mail eine neue
Unterrichtsform erleben, wodurch ihre
Motivation gesteigert wird und sie mehr
Bereitschaft zeigen, sich der
Fremdsprache zu widmen;
- wirkliche,
weltweite Kommunikation erfahren und
dadurch in ihren Englischkenntnissen
bestätigt werden bzw. ihre Grenzen
erfahren;
- mit Hilfe des
authentischen Materials ihre
Sprachkompetenz verbessern
- sich im