T. C. Boyle - A digital scrap-book about "The Tortilla Curtain"
T. C. Boyle & the real Tortilla Curtain
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- Endstation für Träume
- © STERN 03-09-98
Von Teja Fiedler und Sebastiao Salgado (Fotos)Sieht so das gelobte Land aus? Lazaro Morales kratzt sich das schlecht rasierte Kinn und schaut hinter sich. Ein Trailer ohne Fensterscheiben, ohne Tür und ohne Toilette - eine nackte Blechhülle mit ein paar Decken auf dem Boden, ein paar abgestoßenen Reisetaschen in einer Ecke und einem »Playmate des Monats« an der Wand. »Unser Haus«, sagt der Junge aus Oaxaca in Südmexiko ein bißchen verlegen und zuckt mit den Schultern die vom ewigen Gurkenklauben und Salatpflücken vornüberhängen. » Und das ist unser Badezimmer.«
Lazaro zeigt auf einen Gartenschlauch der von einem Holzgalgen am Rand der Erdbeerfelder baumelt.
Wenn er morgens dran ist zum Duschen mit dem kalten Wasserstrahl, braucht er nur zähneklappernd ein paar Schritte nach vorne zu treten bis zur Kante des Hügels hinter dem sich sein Heim versteckt.Lazaro teilt es mit sieben Landsleuten. Da unten, wo die Ranch liegt, parken sauber polierte BMWs und bullige Geländewagen.Tadellos frisierte Mütter bringen tadellos angezogene Töchter zur Reitstunde. Frisch gestriegelte Pferde werden aus Ställen geführt, die verglichen mit Lazaros Blechbude, fürstlich sind.
»California«, sagt Lazaro, und seine Stimme läßt bei diesem Wort keinen Zweifel daran, daß es für ihn unerreichbar bleiben wird. Es ist das Kalifornien der anderen. Das der vielspurigen Highways, der Einkaufszentren, der Reichen und Schönen und der unwiderstehlichen Fast-food-Restaurants. Sein Kalifornien dagegen ist eine armselige, staubige und verlorene Welt. Seit einem halben Jahr lebt er dort. Für fünf Dollar in der Stunde. zehn Stunden am Tag, krümmt er den schmerzenden Rücken über penibel ausgerichteten Erdbeer-, Zucchini- und Eisbergsalat-Pflanzungen auf einer Großfarm in Carlsbad. Fünfzig Dollar pro Tag - das ist hier in den USA der Mindestlohn. Doch es ist zehnmal so viel, wie er in seiner Heimat verdienen würde. Deshalb, nur deshalb ist er hier. Den Besitzer hat er noch nie zu Gesicht bekommen: Der ist ein japanischer Mischkonzern.
Von Kalifornien und seinen Zivilisationswundern hat Lazaro auch noch nicht viel gesehen. Kein Disneyland, kein Hard Rock Café. Lazaro ist illegal im Lande. »Indocumentado«, wie der Fachausdruck heißt. Einer ohne Aufenthaltserlaubnis,und das ist heute fast so wie einer mit Aussatz. »Seit die Gringos die Einreisegesetze verschärft haben, jagen sie dich überall. Früher mußte man es nur schaffen über die Grenze zu kommen. Warst du erst mal im Lande, warst du auch in Sicherheit«, sagt Lazaro. » Heute lauert die Migra sogar an den Bushaltestellen und vor den Kinos mit Filmen in Spanisch.« » La Migra« ist die Immigrations-Polizei der USA verantwortlich für die ordnungsgemäße Abschottung des reichsten Landes der Erde vor den Eindringlingen aus Lateinamerika. Weil die Migra so scharf geworden ist, muß Lazaro sich verstecken wie Hundertlausende seiner Landsleute die vor der Armut in ihrer mexikanischen Heimat in die Grenzstaaten Kalifornien, Arizona, New Mexico und Texas flüchteten.
Hilfe bekommen sie dabei fast immer von den amerikanischen Arbeitgebern. Die wählen zwar meist republikanisch und unterstützen alle Gesetzesinitiativen gegen die angeblich so bedrohliche Überfremdung. Doch sie sind auch gute Rechner und wissen die billigen, genügsamen Arbeitskräfte von der anderen Seite der Grenze zu schätzen.
Also heuern die Farmer sie an, ohne nach Papieren zu fragen, und weisen ihnen einen möglichst abgelegenen Winkel ihrer Ländereien zum Wohnen zu. Als Gegenleistung lassen die Illegalen sich draußen, im amerikanischen Alltagsleben, so wenig wie möglich blicken, damit die Migra sie nicht erwischt. Die Farmer können unbesorgt sein.
» Ich riskiere doch nicht meine fünfzig Dollar am Tag«, sagt Lazaro. »um abends bei McDonalds geschnappt zu werden.« Es war für ihn alles andere als einfach, überhaupt ins Land zu kommen. Längst sind die Zeiten vorbei, als etwa in Tijuana nachts Dutzende Mexikaner hinter dem Grenzzaun kauerten, auf Kommando drüberkletterten und in die Dunkelheit ausschwärmten meist erfolglos gejagt von viel zu wenigen keuchenden Häschern. Heute sind die Autowracks und rohgezimmerten Unterstände, in denen die Grenzgänger noch einmal vor dem großen Sprung ausruhten,öde und leer.Das armselige Lokal »La Pasadita«. » Zum guten Übertritt«, hat keinen Zecher mehr, der noch ein letztes Glas Tequila kippt. Es lohnt kaum noch.hier sein Glück zu versuchen: Jetzt riegeln in Tijuana 2000 Beamte und zwei gestaffelte Stahlbarrieren die beiden Nachbarländer voneinander ab.
Dahinter droht eine Mondlandschaft ohne Baum, Strauch und Deckung. Auf den Sandstraßen patrouillieren fast pausenlos die Jeeps der Migra. Fahrbare Scheinwerfer können je nach Bedarf an strategischen Punkten aufgestellt werden.
Infrarot-Nachtsichtgeräte verraten selbst bei Nebel die geschicktesten Versuche, sich kriechend und robbend durchzuschlagen. » Es sieht hier schon ein bißchen wie einst an der Berliner Mauer aus«, sagt einer der US-Beamten und fügt schnell hinzu: »Aber wir schießen natürlich auf niemanden.« Wer erwischt wird, muß seine Personalien angeben. Die Polizei nimmt Fingerabdrücke. Am nächsten Morgen schickt sie den Eindringling zurück nach Mexiko. Vergangenes Jahr starben über 200 Menschen beim Versuch in die USA zu kommen, in diesem Jahr schon 100.
Weil die Überwachung in den Abschnitten um die großen Übergänge in Tijuana/San Diego, EI Paso/Ciudad Juarez oder Brownsville/Matamoros so perfekt geworden ist, müssen die Emigranten auf die riesigen Wüsten dazwischen ausweichen. Da gibt es zwar kaum Polizei. Dafür ist die Passage mühselig, teuer und lebensgefährlich. Erst im Juli fand die Polizei eine Gruppe von sieben Grenzgängern in der südkalifornischen Wüste - aileingelassen von ihren Schleppern und bei Temperaturen um 48 Grad verdurstet.
Bei einer Routinekontrolle im Grenzgebiet nahm die mexikanische Bundespolizei Lazaro Morales das gesamte Ersparte ab. 200 Dollar, ohne Quittung natürlich. » Verdacht auf Rauschgiftgeld«, sagte der Beamte und grinste. Aus mexikanischer Sicht ist es nicht illegal, ohne Papiere in die USA überzuwechseln. Also stoppt die Polizei niemanden. Aber warum nicht am Transfer ein bißchen mitverdienen, wenn es so einfach ist?
Dann wäre Lazaro fast verdurstet. als er nördlich der Bierbrauerstadt Tecate schließlich die Grenze passiert hatte und schon tief drinnen war in den ersehnten USA. An dieser Stelle war das gelobte Land nur eine wasserlose Steinwüste. Der »Coyote« hatte die Gruppe im Stich gelassen, als er glaubte, die Migra sei ihnen auf den Fersen. »Coyotes« oder »Polleros«, » Hühnerhirten«, sind ortskundige Führer. Gegen ein paar hundert Dollar auf Schleichwegen geleiten sie ihre Hühnerschar armer Mexikaner über die Grenze. Wenn US-Patrouillen in der Nähe sind, reißen sie aus. Die Amerikaner verurteilen professionelle Menschenschmuggler zu mehrjährigen Gefängnisstrafen. Das hat die Preise pro Passage natürlich heftig nach oben getrieben.
So fand sich auch Lazaros Gruppe, plötzlich ohne Wasser. in einem nackten Gebirge wieder. 48 Stunden irrten sie durch die Felseinöde. » Als mir am frühen Morgen bei offenen Augen plötzlich die Heilige Jungfrau von Guadalupe erschien, wußte ich, daß ich am Verdursten war«, erzählt Lazaro. Zum Glück erschien kurz darauf eine Streife der Migra. Lazaro wurde zurückgeschickt. Das Geld für den Coyote war futsch. Doch der Bauernsohn hatte sich den Weg eingeprägt. Mit einem Zehn-Liter-Kanister voll Wasser ging er das nächste Mal allein los. » Hätte es da nicht geklappt, wäre ich ein drittes Mal gegangen. Und ein viertes«, sagt er.
Zwar schafft es ein Emigrant heute durchschnittlich erst beim siebten Mal. Aber die Aussicht auf 50 Dollar Tageslohn sind genug Ansporn, die Strapazen und die Gefahren auf sich zu nehmen. Die Bergpfade von Tecate sind inzwischen so stark begangen,daß sich am Anstieg auf der mexikanischen Seite fliegende Händler etabliert haben. Sie verkaufen Cola aus der Kühlbox und Amulette mit dem Heiligen Christophorus, dem Schutzpatron der Reisenden.
Kurz bevor Lazaro über den Bergkamm in die USA wechselte, traf er auf eine Patrouille der mexikanische Grenzpolizei. Die war diesmal nett und warnte ihn: »Du weißt, daß zwei Tage durch die Wüste vor dir liegen? Vor kurzem ist bei einem Kälteeinbruch eine ganze Gruppe erfroren und eine andere bei einem Wolkenbruch in einem sonst ausgetrockneten Flußtal ertrunken. Außerdem hast du verdammtes Glück gehabt, als Einzelgänger nicht den Asaltantest in die Hände gefallen zu sein.« Das sind Banditen, die den armen Teufeln aus dem Süden mit vorgehaltenem Gewehr ihr letztes Bargeld rauben.
Lazaro zuckte nur die Achseln und klopfte auf seinen Wasserkanister: »Wenn ich es nicht schaffe. hungert meine Familie zu Hause in Oaxaca.« Nichts konnte ihn mehr abhalten. Auch nicht das »magische Auge« genannte Infrarot-Sichtgerät oder die »Mücken«,wie die Aufklärungshubschrauber der US-Grenzer im Emigranten-Jargon heißen. Oder die Sensoren aus dem Vietnamkrieg, von den Amerikanern seit neuestem auf den Trampelpfaden verscharrt, um Erschütterungen durch Schritte zu melden. »Das einzige was die Gringos erreicht haben mit ihren scharfen Kontrollen in Tijuana: Frauen und Kinder bleiben heute zu Hause«, sagt Lazaro. » Für sie ist der Weg durchs Gebirge einfach zu gefährlich.« Bei seinem Ein-Tages-Marsch auf der US-Seite der Grenze traf Lazaro keinen Menschen, bis er an die kalifornische Staatsstraße 94 kam.
Dort wartete er an einer Tankstelle stundenlag auf jemanden, der Spanisch sprach. Der Mann, ein Mexikaner mit Aufenthaltserlaubnis, nahm ihn nach San Diego mit. Schon am nächsten Tag hatte Lazaro seinen Job.
Seither hockt er mit Landsleuten in dieser erbärmlichen Siedlung mit dem traurig-poetischen Namen »Los Olvidados«, die Vergessenen, irgendwo im Nirgendwo.
Strom gibt es fast nie in den windschiefen Landarbeiter-Camps. Immerhin stellen die meisten Arbeitgeber aber schrottreife Trailer, durchgerostete Container. ausgediente Paletten und Orangenkisten als Baumaterial zur Verfügung. Besonders Freundliche legen sogar Trinkwasserleilungen, seit vor einem Jahr in Carlsbad eine ganze Famlie an Pestizidrückständen krepierte. Das Wasser, das sie tranken, war eigentlich nur zur Berieselung der Erdbeerfelder vorgesehen gewesen.
Jeden Abend schaukelt die »Loncheria« an, eine Art Essen auf Rädern. (»Lonch« ist die spanische Verballhornung des englischen »Lunch«). Der »Lonchero« ist der Kontakt mit der Welt. Er ist die Postadresse für die Emigranten. Welche Anschrift sonst könnten sie angeben? Er überweist Ersparnisse nach Mexiko und hilft bei Briefen nach Hause. Vor allem bringt er Tacos mit oder gefüllte Paprikaschoten, mexikanische Kost. Außerdem Hot dogs und Diet Coke. Hey, Jungs, das hier ist schließlich Amerika! So brauchen sich die Männer nicht für Einkäufe aus der Deckung zu begeben. Und er verdient gut dabei. Später am Abend lassen sich die Nutten sehen. Sie sind häufig ebenso verschlissen wie die Straßenkreuzer, in denen hinter der nächsten Kurve ruck, zuck Liebe gemacht wird. 15 Dollar mit Kondom, 25 ohne. Die meisten Männer wollen ohne. Präservative sind nicht sehr »macho«, und Aids ist für sie nur ein Gerücht.»Wo ich herkomme, ist es eine Beleidigung auch der Frau gegenüber, im Augenblick höchster Leidenschaft so was Unwürdiges zu machen, wie ein Kondom überzuziehen«, sagt einer. Die anderen nicken.
Außer dem fliegenden Händler und den Prostituierten lassen die Rancher keine Fremden aufs Gelände. Meist sind die Zufahrten zu den Landarbeiter-Slums mit Stacheldraht und Wachposten gesichert. No Trespassing, kein Zutritt! steht überall. Natürlich wissen die Beamten der Migra,daß hinter vielen Zäunen illegale Einwanderer hausen. Doch Razzien auf Privatgrundstücken sind ausgesprochen selten. Kein kalifornischer Politiker wagt es. sich mit der mächtigen Agrarlobby anzulegen. Im vergangenen Jahr versackte eine Gesetzesinitiative im Parlament. Sie hätte empfindliche Strafen für Arbeitgeber von illegalen Einwanderern vorgesehen.
Lazaro Morales wundert sich nicht mehr über diese Doppelmoral. » Wir arbeiten in diesem Land« sagt er. »aber wir leben doch eigentlich nicht hier.« Seine dunklen Augen wandern von der erbärmlichen Blechhülse,