17.04.2007
Exzellente Sangeskunst und eine mutige dramaturgische
Linie
Von Werner Zwarte
MUSIK Auricher Chor „Neue Töne“ wagte
Gratwanderung
80 Zuschauer erlebten einen denkwürdigen Abend in der
Neuen Kirche in Emden. Das Programm bestand überwiegend
aus jiddischen Liedern.
Emden. „Spiel Musikant, spielqso wie ein jüdisch Herz
schlägt!“ Ausstrahlende Freude in enger Verbundenheit mit
Tod, Ghetto und Musik: Es war ein Programm einer
Gratwanderung, das sich da der Auricher Chor „Neue Töne“
für sein Konzert in der Neuen Kirche in Emden
zusammengestellt hatte.
Die 28 Sängerinnen und Sänger unter der musikalischen
Leitung von Heinrich Herlyn haben es sich wahrlich nicht
leicht gemacht. Das gilt nicht nur für den musikalischen
Teil ihrer choralen Inszenierung „Tango Mortale“, auch
die dramaturgische Szenerie war mutig. Die Neue Kirche bot
den Rahmen und den etwa 80 Zuschauern einen denkwürdigen
Abend, der mit viel Beifall bedacht wurde.
Das Chorensemble faszinierte bei seinen überwiegend
jiddischen Liedern in der verblüffenden Symbiose lockerer
bis heiterer Art des gesanglichen Vortrags mit tief berührender
Realität von Unterdrückung und Verfolgung. „Spielq mir
ein Tänzchen mit Seele und voll Gefühl!“ wollte mitreißen.
Durfte es das angesichts seiner Entstehung in einem KZ? Der
Tango als Totentanz, der doch in Argentinien als Ausdruck
der Lebensfreude, des Lebens überhaupt gilt? Der Chor
„Neue Töne“ schaffte wahrscheinlich mehr, als ihm
bewusst ist.
Das Beispiel des Musicals „Fiedler auf dem Dach“ als
Balance zwischen Musik und Absturz mag Pate für dieses
Programm gewesen sein. Und so trauten sich die Sänger auch
an Sprechtexte, die Stimmungen zu vertiefen. Ein Paar tanzte
devot und zurückhaltend einen Tango, und die Vierteilung
mit den Themen „Stadt“, „Amerika“,
„Ghetto-Tango“ und „Widerstand“ wurden zu einem
Komplex mit Theaterwirkung. Diese dramaturgische Linienführung
erinnerte zutiefst an Joshua Sobols Musical „Ghetto“.
„Kinderjahre“, „Tumbalalaika“, „Bei mir biste
scheen“, „If I were a rich man“ lassen allesamt einen
jiddisch-folkloristischen Abend vermuten. Ist es ja auch:
Aber diese Thematik hat einen so urständig tiefdunklen
Hintergrund, dass Musik hier fast provozierend pervers
wirkt.
Genau aber auch die Musik war es, die das Leben reflektierte
mit Fröhlichkeit, Sehnsucht und Schmerz. Der Auricher Chor
bestach mit exzellenter Sangeskunst durchaus nicht immer
eingängiger Lieder. Die Vortragsweise war geprägt von
intensivem Selbstbewusstsein und starker Identifikation mit
den Inhalten. Man hatte sich auf diese Gratwanderung
eingelassen und sie glänzend übertragen.
Der Reinerlös des Abends geht an die Auricher Initiative
„Gedenkstein Auricher Synagogenplatz“. "
Ausstrahlende Freude in enger Verbindung mit mit Tod, Ghetto
und Musik
Quelle: Ostfriesen Zeitung - 17. März 2007
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