Chor NEUE TÖNE Aurich

Tucholsky-Programm: Presseartikel (Auszüge)

Ostfriesland Magazin 9/96

Ostfriesische Nachrichten 23. 8. 1996

Ostfriesen Zeitung 11. 9. 1996

Presseartikel (in Auszügen):

Tucholskys neue Töne (Ostfriesland Magazin 9/96, S. 8)

Foto

(...) Am Ende des deutschen Sommers 1996, der eigentlich schon ein Herbst war, präsentieren die Auricher "Neuen Töne" eine Tucholsky-Revue unter dem Titel "Deutschland, Deutschland über alles!", in der auch das "Lächeln der Mona Lisa" vorkommt. Der vierstimmige Chorsatz des Auricher Musiklehrers und Chorleiters Heinrich Herlyn reißt die Zuhörer mit, die sich mit Tucholsky in das geheimnisvolle Modell von Leonarda da Vinci versetzen:

"Ich kann den Blick nicht von dir wenden. / Denn über deinem Mann vom Dienst / hängst du mit sanft verschränkten Händen / und grienst. / Du bist berühmt wie jener Turm von Pisa, / dein Lächeln gilt für Ironie. / Ja ... warum lacht die Mona Lisa? / Lacht sie über uns, wegen uns, trotz uns, mit uns, gegen uns - / oder wie - ? Du lehrst uns still, was zu geschehen hat. / Weil uns dein Bildnis, Lieschen, zeigt: / Wer viel von dieser Welt gesehen hat - / der lächelt, legt die Hände auf den Bauch / und schweigt."

Die meisten Lieder und Texte gefallen auf Anhieb, und noch während der Leser oder Zuhörer sich an ihnen erfreut, spürt er den Stachel, der darin steckt, bleibt ihm das Lachen im Halse stecken, erstarrt das Lächeln. Aber es gibt auch andere, wie den 1926 geschriebenen "Graben", der die Sinnlosigkeit menschenmordender Kriege anprangert, wo die Verzweiflung nicht durch Ironie versteckt und die Anklage nicht verschleiert wird.

Im selben Jahr entstanden die "Feldfrüchte", zu denen Tucholsky auch die Sozialdemokraten zählt: Sie "blühn so harmlos, doof und leis wie bescheidene Radieschen: außen rot und innen weiß". Auch das Lied vom deutschen Mann ("das ist der unverstandene Mann") hat nichts von seiner Aktualität verloren, und nicht zuletzt die erhitzte Diskussion der letzten Jahre um Tucholskys "Soldaten sind Mörder"-Zitat zeigt, wieviel Brisanz immer noch in seinen Schriften steckt.

Kein Wunder also, daß sich der politisch und gewerkschaftlich orientierte Chor aus Aurich seiner annimmt, daß er dem Deutschland der neunziger mit Chansons und Gedichten aus den zwanziger Jahren den Spiegel vorhält. Nach der Premiere im Auricher Güterbahnhof am 31. August treten sie am 8. September im Leeraner Kulturspeicher und am 14. September noch einmal im Güterbahnhof auf (jeweils um 20 Uhr). Die Zwischentexte werden von Eva Bakenhaus, einer Schauspielerin aus den neuen Bundesländern, vorgetragen. (...)

aus: Ostfriesland Magazin 9/96, S. 8 + 9 (Eva Requardt-Schohaus)

 

Ein Abend mit Tucholsky mit alten und "neuen" Tönen (ON 23. 8. 1996)

Foto

(...) Für die "Neuen Töne" schrieb Heinrich Herlyn Chorsätze für diese Songs und vertonte einen Text selbst - in einem Fall also werden im wahrsten Sinne des Wortes "neue" Töne zu hören sein! Wer die "Neuen Töne" kennt, weiß, daß dessen Programme nicht nur viel für's Ohr, sondern auch einiges für's Auge bieten: Man wird eine verhaltene, den Gesang unterstreichende Inszenierung der Lieder erwarten können, humorvoll und garstig - eben Tucholsky. (...)

Wer keine Angst vor Satire und bösem Witz hat, wem nicht irgendwelche Flaggen "über alles" gehen, der sollte das neue Programm der "Neuen Töne" nicht verpassen!

aus: Ostfriesische Nachrichten, 23. 8. 1996 (Wilfried Lange)

 

Kurt Tucholskys Leben in Liedern gewürdigt. Auricher Chor Neue Töne" gastierte im Kulturspeicher (OZ 11. 9. 96)

(...) Der in Aurich beheimatete Chor "Neue Töne" gastierte hier mit seinem Programm "...über alles", das erst vor einer Woche erstmals aufgeführt worden ist. Mit einem weitgespannten Liederreigen würdigten die 25 Sängerinnen und Sänger sowohl den politischen als auch den weniger öffentlichen Autor, der im August 1933 von den Nationalsozialisten ausgebürgert wurde.

Im ersten Teil des Programms intonierte der Chor vornehmlich Lieder, die sich kritisch mit dem deutschen Ordnungsgeist und Obrigkeitsdenken auseinandersetzten. Zielscheibe der zumeist von Hanns Eisler vertonten Texte war immer wieder der Krieg, den Tucholsky als "Weltlatrine voll Blut, Kriegsanleihen, Stacheldraht und Haßgesängen" geißelte und den er mit fast prophetischer Weltsicht bereits Mitte der zwanziger Jahre voraussah.

Geschickt unterstützten die Musiker stimmlich die Eigenart vieler Gedichte, zunächst unverfängliche Allerweltsthemen anzuschneiden, um dann am Ende mit einer blitzschnellen Wendung zur bitterbösen Pointe gegen Staat und Politik zu überraschen. In dem Lied "Feldfrüchte" etwa wird das Publikum zu einem musikalischen Spaziergang durch den Kräutergarten eingeladen, um am Ende die opportunistische Natur mancher Politiker vorgeführt zu bekommen. Bei diesem Song ließ es sich der Chor nicht nehmen, die Namen der Politiker zu aktualisieren.

Selbst vor dem Thema "Geschlechterkampf" kapitulierte Tucholskys spitze Feder nicht. "Der deutsche Mann hat ein Geschäft, und er hat eine Pflicht. Er hat auch eine Frau - das weiß er aber nicht", lamentiere der Schriftsteller, den der Chor im zweiten Teil des Programms mit Liebesliedern und pfiffigen Chansons auch von seiner sanften Seite präsentierte.

Zwischen den einzelnen Songs rezitierte die Schauspielerin Eva Bakenhaus Texte des vielseitigen Künstlers, der auch lange Zeit als Korrespondent für die Zeitungen "Weltbühne" und "Vossische Zeitung" gearbeitet hat.

aus: Ostfriesen Zeitung, 11. September 1996

 

zurück zur Hauptseite: Tucholsky-Programm

zurück zu Startseite NEUE TÖNE

Reinhards Home

© Chor NEUE TÖNE Aurich 1998- Stand: 21-02-99