Reinhard Donath: Englischunterricht in der Informationsgesellschaft

Unterrichtspraxis

meine WWW-Units

Vorschläge

Beispiele

Didaktik

A-Z Themen

aktuelle Situation

Praxis hier & da

 

Buch & WWW

Hypertext

Literatur

 

 

 

 

 

 

 

 

Das WWW im kreativen Literaturunterricht

Der folgende Beitrag erschien im Klett-Magazin "close-up" Nr. 19 (Ausgabe für Gymnasien) II/2002

..................................................................................................................

Sie sind auf der Suche nach Literatur für Ihren Englischunterricht und blättern wieder mal im Katalog der Neuerscheinungen? Kurze Katalogtexte zum Inhalt und zum Autor helfen Ihnen weiter, aber auch das WWW gibt Ihnen schon vor der eigenen Lektüre viele Hinweise, die eine Auswahl erleichtern. James Moloneys „Angela“ klingt interessant? Kurzer Klick in die Suchmaschine www.google.com , Namen des Autors eingegeben und schon finden Sie seine Homepage, erhalten aber auch Links zu diversen anderen Seiten, zum Beispiel von australischen Schulen, die seine Romane gelesen und zum Teil auch Material oder kleine Hypertext-Projekte im Netz veröffentlicht haben. Ähnliche Resultate erhalten Sie bei anderen neueren Veröffentlichungen wie „Dear Nobody“, „Seedfolks“ u.a., so dass Ihnen Entscheidungen und Vorbereitungen erleichtert werden können.

Ich hatte den Roman „Away“ von Jane Urquhart gelesen, wusste nichts über die Autorin und ihr Renommee und verbrachte einen Nachmittag mit der Webrecherche zu Autorin und Werk, denn das Thema passte hervorragend in meinen Leistungskurs. Heraus kam eine Webseite mit allerlei Informationen, auch mit Kommentaren von anderen Lesern, die bei amazon.com zu finden waren http://www.englisch.schule.de/urquhart.htm: Diese Webseite präsentierte ich meinem Leistungskurs und bat die Schülerinnen und Schüler, einen Eindruck zu gewinnen über das Thema des Romans und die Autorin und zu entscheiden, ob wir ihn im Unterricht erarbeiten wollten. Die Antwort fiel positiv aus, trotz einer Länge von 350 Seiten. Während der Erarbeitung war das WWW immer wieder hilfreich, um Orte (Rathlin Island und die dortige Kirche), regionale Sagen (Bruce’s Cave), historische Zusammenhänge (hedge schools, famine) zu verdeutlichen und sichtbar zu machen. Das geschah zum Teil durch Ausdrucke, die an die Wand gehängt wurden, zum Teil durch Webseiten (vgl. http://www.englisch.schule.de/famine1.htm ), die als Startbasis für Schülerrecherchen dienten.

Neben einer mehr oder weniger typischen Erarbeitung des Romans gab es dadurch immer wieder Phasen im Computerraum zur Vertiefung historischer und landeskundlicher Details. Diese Ergebnisse wurden mündlich vorgetragen, als Wandzeitungen präsentiert – und zunehmend mehr in verkürzter Form auf Webseiten zusammengefasst, so dass wir uns auf den digitalen Weg von der Information zur Publikation machten. Dass dieses Vorgehen in einem sehr umfangreichen Hypertext-Projekt enden würde, in dem fast eine eigenständige mediale Form der Präsentation von „Away“ entstand, war anfangs nicht abzusehen und auch nicht intendiert. Es machte den Schülerinnen und Schülern einfach Spaß, ihre Texte auf Webseiten zu präsentieren und durch Bilder und Links zu gestalten. Kapitelzusammenfassungen, Charakterisierungen, Texte zum Hintergrund und viele Fotos der Hauptpersonen entstanden dabei: mit Kostümen verkleidete Mitschülerinnen und –schüler wurden photographiert, die Fotos zum Teil noch künstlerisch verfremdet, so dass auch visuelle Interpretationen entstanden.  Natürlich wurde dabei auch immer wieder traditionelle Literaturarbeit praktiziert, aber das Internet wurde zum integralen Bestandteil der Erarbeitung und Präsentation der Ergebnisse.

Didaktischer Mehrwert dieser Arbeit

  • vielfältige authentische Informationen wurden im WWW recherchiert und für die eigenen Schreibprodukte nutzbar gemacht
  • „copy and paste“ diente nur zum Sammeln der Informationen aus dem WWW, methodisch stand die eigenständige Verarbeitung im Zentrum
  • niemand konnte Webseiten unabhängig von anderen erstellen, denn das Projekt war inhaltlich nur in Gruppen mit vielen Absprachen zu realisieren
  • Kreativität war bei der Gestaltung der Webseiten gefordert, geschrieben und gelesen werden musste wesentlich mehr als im ‚normalen’ Literaturunterricht
  • feed-back gab’s nicht nur vom Lehrer, denn alle im Kurs lasen und würdigten, ergänzten und korrigierten die erstellten Seiten – und viele andere Interessierte außerhalb des Kurses klickten ebenfalls mit
  • ach ja, diverse Methoden und Techniken der Internetarbeit wurden quasi nebenbei erworben: gezieltes Suchen, Weiterverarbeiten der Informationen, Webseiten erstellen, ein Bildbearbeitungsprogramm beherrschen und mehr.

 Die Ergebnisse sind unter http://www.englisch.schule.de/away.htm  im Netz zu finden – aber das WWW ist nicht nur für ein solches relativ umfangreiches Projekt hilfreich.

Ebenfalls Leistungskurs, 12. Jahrgang. Kurslektüre ist „A Good Read: Contemporary Short Stories from Britain“. Bei mehreren Kurzgeschichten hilft das WWW beim Einstieg und beim Verständnis weiter, zum Beispiel

  • www.google.com  „thrush poem“ ergibt diverse Gedichte, in denen dieser Vogel eine wichtige Rolle spielt, wie auch in der zu erarbeitenden Kurzgeschichte “The Last Thrush” von Glenda Beagan: Gedichte finden, lesen, verstehen, vortragen, Eindrücke austauschen und schon sind wir mitten im Thema
  • www.google.com  „importance football Scotland“ macht den Schülerinnen und Schülern deutlich, welche Rolle Fussball in Schottland spielt – und erleichtert das Verstehen von Uncle Archie in „Away in Airdrie“ von James Kelman: Über den Autor sowie über Airdrie sind im WWW übrigens ebenfalls sehr gute Informationen zu finden
  • „Royal Smithfield Show“ in die Suchmaschine eingegeben ermöglicht einen virtuellen Rundgang durch die wichtigste britische Ausstellung landwirtschaftlicher Geräte, Prince Charles’ Reden zu ökologischer Landwirtschaft sind unter www.princeofwales.gov.uk  zu finden –und schon ist Rose Tremains Kurzgeschichte „Tropical Fish“ viel besser zu verstehen und zu bearbeiten: Wie sollen Zwölftklässler denn wissen, wie es auf einer Ausstellung des Agro-Business aussieht? Und ganz nebenbei kann auch noch ein Romanauszug von Rose Tremains „Music and Silence“ gelesen werden, der auf den Webseiten des Guardian zu finden ist, google sei Dank!

 

Mehr als 30 Minuten der Doppelstunden standen für diese (Einstiegs-) Aktivitäten nicht zur Verfügung: gezielte Recherche, Ergebnisse stichwortartig in der Textverarbeitung notiert, nur ausnahmsweise ganze Sätze per „copy & paste“ hineinkopiert – und dann kurze mündliche Präsentationen. Für den Leistungskurs schon fast Gewohnheit, die Arbeitstechniken wurden verfeinert, die Themen umfangreicher. Neben der Ergänzung der literarischen Arbeit standen auch hier Training von Methoden und Arbeitstechniken im Mittelpunkt, auch als Vorbereitung auf die Facharbeit. Die konzentrierte sich auf fünf Romane zum Oberthema „migration – immigration – emigration“, u. a. auf „Daughter of Fortune“ (Allende), „Tortilla Curtain“ (Boyle) und „Joy Luck Club“ (Tan): Es waren nicht Bibliotheken, die Informationen zu Autoren und Romanen zur Verfügung stellten, sondern das WWW, erst recht, wenn es um die Erarbeitung des „immigration“-Themas und die aktuelle Situation ging. Natürlich finden sich die Ergebnisse zusammengefasst im Internet: http://www.ulricianum-aurich.de/en22l/first_page.htm   

Literatur und WWW ist nur etwas für die Oberstufe?