Computereinsatz im Englischunterricht: Kommunikation mit Partnerklassen(aus: close up, Oktober 1995)
Die Klasse 9f befindet sich für zwei Stunden mit ihrem Englisch- und ihrem Erdkundelehrer im Computerraum und ist ungewohnt aktiv: eine Gruppe ist damit beschäftigt, Briefe an die Partnerklasse der Churchill Jr. High School in Salt Lake City, Utah zu schreiben. Fragen zum deutschen Schulsystem wollen ebenso beantwortet werden wie zu touristischen Sehenswürdigkeiten in und um Aurich in Ostfriesland. Eine andere Gruppe erarbeitet zusammen mit dem Erdkundelehrer mit Atlas und dem Computerprogramm "PCUSA" geographische Spezifika von Utah: wodurch sind die Berge in Utah so bizarr geformt worden? Wie hoch ist der Salzgehalt des Salt Lake? Wie läßt sich Utah hinsichtlich der Größe und Einwohnerzahl mit Deutschland vergleichen?
In einer Ecke des Raumes werden Prospekte und Broschüren über Utah durchgeblättert, die uns Susan Gall und ihre Schülerinnen und Schüler in einem dicken Briefumschlag zugeschickt haben. Großes Erstaunen über die landschaftliche Vielfalt der Nationalparks, immer wieder auch Verwunderung über die ungeahnten Entfernungen der attraktiven Sehenswürdigkeiten von Salt Lake. Diese Gruppe nämlich bereitet einen -leider nur theoretischen- einwöchigen Aufenthalt in Salt Lake vor und plant ein Besichtigungsprogramm. Die ersten Vorschläge werden gleich am Computer getippt und am Ende der Doppelstunde an die Partnerklasse nach Salt Lake geschickt, per electronic mail. In der nächsten Englischstunde wird hoffentlich schon eine Antwort eingetroffen sein zu unseren Besuchsvorschlägen, so daß wir mehr wissen über Trekkingtouren und Campgrounds im Bryce National Park.
Gelächter an den vorderen Computern. Nicole und Astrid hatten gerade das Modem benutzt und mit der Kommunikationssoftware die neuesten email-Texte der Schülerinnen und Schüler aus Utah empfangen: Mehrere Kurzdialoge zum Thema "After School Activities" sind eingetroffen. Nun wird gerätselt, was denn wohl ein Student Body Officer sein mag: After School Activities Setting: After school in hall
Der Student Body Officer aber ist nicht die einzige sprachliche Herausforderung dieses kleinen Dialoges. Schließlich ist der Auricher 9f auch nicht bekannt, was Mock Trials sind, die der Englischlehrer aber nicht allein erklären muß: Wesentlich präzisere Informationen über die schulischen Einrichtungen, die hinter dem Student Body Officer meeting und den Mock Trials stehen, können nur die Partnerschüler aus Salt Lake geben, also müssen Nicole und Astrid schnell noch einen kurzen Brief an Jeff, Shin und die anderen schreiben und um Erklärungen bitten. Die umgangssprachlichen Formulierungen am Schluß des Dialoges bedürfen sicher auch noch einiger Betrachtungen. In der nächsten Englischstunde im Klassenraum kann diese Szene (und einige andere auch), mit den notwendigen sprachlichen Erklärungen, von Astrid und ihrer Gruppe vorgespielt werden, so daß alle etwas davon haben. Computerraum und Klassenraum Ohnehin gibt es in der nächsten Englischstunde im Klassenraum einiges zu präsentieren: Die Ergebnisse der erdkundlichen Recherchen müssen vorgestellt werden, auf Englisch natürlich, und Jennifer sollte unbedingt ihre polygamy-Verwirrung einbringen. Außerdem arbeitet die Gruppe um Ralph am Thema "Mormonism", so daß sie ihr noch mehr Informationen vermitteln können. Und anhand der immer bunter werdenden Pinnwand wird die Bryce Canyon-Gruppe Details über einen Trekking-Aufenthalt erläutern können. Ach ja, die Vokabelliste der 9f mit der Überschrift "Email project with Utah" wird sich um etliche neue Wörter und Strukturen verlängern, denn jede Gruppe führt ein kleines diary, in dem alle neuen Vokabeln ebenso aufgeführt sind wie ein kurzes Protokoll der Gruppenphasen mit Ergebnissen und den verteilten Arbeitsaufträgen. Electronic mail im Englischunterricht Seit einigen Jahren integrieren zunehmend mehr Schulen in der Bundesrepublik electronic mail in den Englischunterricht. Schließlich sind Computer nahezu flächendeckend vorhanden, und die Kosten für ein notwendiges Modem sind auch rapide gesunken. Durch Zugangsmöglichkeiten zum Internet über Schulnetze in einzelnen Bundesländern oder über kommerzielle Anbieter wie CompuServe sind auch die Telephon- bzw. Nutzungskosten recht niedrig geworden, so daß mit einem monatlichen Kostenaufwand von nicht mehr als ca. 30 DM gerechnet werden kann. Green Line bietet vielfältige Anknüpfungspunkte für sinnvoll in den Unterricht integrierte email-Projekte. Schon im siebten Jahrgang können kleine Projekte mit Schulen in Großbritannien realisiert werden, die sich mit Themen wie Schulsystem, Freizeitbeschäftigung oder landeskundlichen Zusatzinformationen zu den Lehrbuchtexten beschäftigen. Vor allem im achten Jahrgang bietet Green Line 4 in Ergänzung zu den Lehrbucheinheiten vielfältige Gelegenheiten zur elektronischen Kontaktaufnahme mit Schulen in New York, Wisconsin, Arizona, California, Florida oder Texas. Das Sprachvermögen der Schülerinnen und Schüler reicht bereits aus, um sich über sie interessierende Themen mit amerikanischen Partnerinnen und Partnern schriftlich auszutauschen. Wie gehts eigentlich Harry Hopper? Warum also nicht einfach unseren Freund Harry Hopper nach Wisconsin begleiten, um herauszufinden, wie lebenswert das Leben rund um den Lake Winnebago ist? Amerikanische Schulen für email-Projekte zu finden ist einfach genug. Und wenns mit Wisconsin nicht klappt, dann eben mit Oklahoma um herauszufinden, wie traurig dort das Leben ohne Harry Hopper geworden ist! Electronic mail Möglichkeiten sind an amerikanischen Schulen sehr weit verbreitet, so daß es kaum Probleme machen wird, eine passende Partnerschule zu finden, zumal einige US- Bundesstaaten ihre Schulen bereits zu 100% vernetzt haben. Auch im neunten Jahrgang bieten sich viele Möglichkeiten zur Realisierung eines email-Projektes: Sei es mit einer australischen oder neuseeländischen Schule zu Beginn des Schuljahres oder mit einer britischen Schule. Themen wie "Multicultural Society", "Ecology" oder "The Perfect School" können die vom Lehrbuch vermittelten sprachlichen Lernziele und inhaltlichen Informationen in einem Kommunikationsprojekt mit Gleichaltrigen ergänzen und erweitern. Schülerinnen und Schülern bereitet der Umgang mit Computern, die im Englischunterricht eine reine Werkzeugfunktion haben, erfahrungsgemäß wenig Probleme. Für sie ist diese Form der aktuellen Kommunikation ungemein reizvoll, denn sie können ihren Partnern in England oder den USA Fragen stellen und ihre Vorstellungen des jeweiligen Landes ergänzen oder korrigieren lassen. Lebendiges interkulturelles Lernen wird durch diese Form der Kommunikation ermöglicht und beugt der Bildung von Stereotypen vor bzw. ermöglicht sogar eine sehr lebendige gemeinsame Auseinandersetzung mit dem Bild vom Anderen. Im zehnten Jahrgang bietet Green Line 6 viele willkommene Möglichkeiten, aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Tendenzen durch ein email-Projekt zu erarbeiten und länderübergreifend zu vergleichen: Sei es zum Themenbereich "American Dream/Immigration" mit Schulen in Südkalifornien oder zum Thema "Young People in the USA": Schulsystem und after school jobs, teenage pregnancy oder teens & drugs eignen sich hervorragend für einen elektronischen Diskurs mit einer oder mehreren Schulen in den USA. Eine genauere Betrachtung des Themas technology bietet sich auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen ohnehin an. Themenbeispiele für die Sekundarstufe II ließen sich fortsetzen, sind aber offensichtlich, denn die dort behandelten Themen bieten sehr viele Anlässe für email-Projekte mit älteren High School-Gruppen oder Colleges und Universitäten. Öffnung des Englischunterrichtes Daß sich die traditionellen Methoden des Englischunterrichtes durch die computergestützte Öffnung des Klassenraumes ebenfalls öffnen und verändern können, sollte ein hochwillkommener Nebenaspekt sein: die dominant autonomen Aktivitäten im Zusammenhang mit electronic mail ermöglichen ein projektorientiertes Vorgehen ebenso wie fächerübergreifende Konzepte: Schließlich entsteht während der Kommunikation mit der Partnerklasse immer wieder ein detaillierter Informationsbedarf, der schnell durch Rückfragen an die Partner beantwortet werden kann. Hier bietet sich jedoch auch die Nutzung von Multimedia CD-Roms (Encyclopedias) an, die nicht nur ungeheuer viele den Englischunterricht ergänzende Informationen bieten. Auch die Methoden zur Beschaffung und Verarbeitung von Informationen werden erlernt: schließlich wird Wissenserwerb in Zeiten der Informations- und Kommunikationsgesellschaft nicht allein schon durch das pure Vorhandensein aller Informationen ermöglicht! Salt Lake City und Utah sind meiner 9f sehr viel vertrauter und bekannter geworden, seit sie dort Dan und Jed, Alisa, Shin und all die anderen kennengelernt haben. Und was nicht so gerne im Unterricht per email geschrieben wird, läuft nebenbei per snail-mail, also Luftpost: Zum Glück hat Andy nicht nur eine email-Adresse, sondern auch eine richtige Postanschrift! <04-06-95> <c>
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