Reinhard Donath: Englischunterricht in der Informationsgesellschaft

 

In: "daf-werkstatt" 4/2004 - Halbjahreszeitschrift des Zentrums für die Didaktik der deutschen Sprache an der Universität Siena-Arezzo

 

 

 

 

 

 

 

 

Internetprojekte im DaF-Unterricht
Zeitverschwendung oder didaktischer Mehrwert?


Abstract:
Die WWW-Nutzung im Deutschunterricht entwickelt sich zunehmend weiter und konfrontiert alle Beteiligten mit Herausforderungen, die nicht so sehr technischer Art sind. Natürlich bedarf es einiger Computer- und Internetkompetenzen, aber die methodischen und unterrichtspraktischen Rahmenbedingungen eines Fremdsprachenunterrichts, der das WWW sinnvoll für das Sprachenlernen integriert, sind die eigentlichen Brennpunkte. Überlegungen zu Methoden der Internetarbeit werden mit Beispielen und neuen Möglichkeiten aus der Internet & DaF-Welt skizziert, um den didaktischen Mehrwert der WWW-Integration darzustellen.

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Na wenn der Autor schon so fragt, kann's ja nur einen didaktischen Mehrwert geben, oder? Stimmt, der aber stellt sich erst richtig ein, wenn Lehrende und Lernende Kompetenzen beherrschen, die nicht nur sprachliche sind, sondern immer auch unterrichts- und medienpraktische. Na also, da haben wir ja schon das Problem, denn meine Lernenden sind doch immer wesentlich fitter im Umgang mit Computer, Internet & Co, also brauche ich doch gar nicht erst das Lehrbuch aus der Hand zu legen.
Doch, manchmal bietet es sich schon an, aber nur das Lehrbuch wird in bestimmten Phasen aus der Hand gelegt, nicht die Kompetenz der Lehrenden, Unterrichtsstunden und Lernarrangements so zu gestalten, dass Lernen mit Computer und Internet gewinnbringend stattfinden kann, also wirklich ein didaktischer Mehrwert feststellbar ist.
Was macht denn die Internetarbeit im Fremdsprachenunterricht so anders? Meiner Erfahrung nach sind es vor allem die individuellen Möglichkeiten, Lernprozesse und Lernen eigenständig zu bestimmen: eigene Schwerpunkte zu setzen bei der Erarbeitung und Verarbeitung von Themen, landeskundlichen Informationen, Webseiten. Das geschieht nicht notwendigerweise allein, sondern gerade im fremdsprachlichen Klassenraum meist zu zweit oder in kleinen Gruppen, die sich arbeitsteilig mit einem Thema auseinandersetzen und vor allem mit WWW-Seiten arbeiten. Dabei ist immer das Sprachenlernen als aktiver, rezeptiver wie produktiver, bewusster Prozess eingebunden in die Arbeit mit dem WWW, die für die meisten Lernenden bereits Normalität des Alltags ist. Medien-/Internetkompetenz nämlich haben die Lernenden zumeist, aber auf Webseiten in der Fremdsprache sind sie wohl eher selten unterwegs und ein bewusster Sprachlernprozess findet dabei auch nicht automatisch statt. Schade eigentlich, denn dann hätten wir ja fast paradiesische Verhältnisse. Solange das aber nicht der Fall ist, solange also noch kein Funknetzwerk zwischen Computer und menschlichem Hirn die individuelle Lern-Arbeit übernimmt, ist es Aufgabe der Lehrenden, Lernarrangements im Fremdsprachenunterricht zu schaffen, in denen Lerner ihren individuellen Interessen folgen können. Sprachliches und methodisches Lernen bei der Arbeit mit dem WWW werden entsprechend von den Lehrenden strukturiert und begleitet. Wenn Sie bereits Erfahrungen haben mit der Integration des WWW in den Deutschunterricht, zum Beispiel zur Informationsbeschaffung oder mit E-Mail-Projekten, dürfte Ihnen auch schon die Einsicht gekommen sein, dass "Klick doch mal" oder "Zeig doch mal die Webseite" nichts mit Lernen oder gar fremdsprachlichem Lernzuwachs zu tun haben. Klare Aufgaben, ein festgelegter Zeitrahmen, situationsbezogene Wortschatz- und Grammatikarbeit und mündliche oder schriftliche Präsentationen begleiten WWW-Aktivitäten - also unterrichtspraktische Methoden wie im traditionellen Unterricht, der Computer & Internet nicht nutzt. Gerade bei Internetaktivitäten sind es maßgeblich die Methoden der inhaltlichen und sprachlichen Erarbeitung von Informationen sowie deren Verarbeitung (lesen, verstehen, eigenständig formulieren) und Präsentation, die im Mittelpunkt des fremdsprachlichen Lernprozesses stehen sollten. Vor allem in diesen Phasen ist Spracharbeit, also bewusstes Sprachenlernen, gefragt. Dass in diesen Arbeitsphasen auch andere Methoden möglich und notwendig sind, wird bei umfangreicheren WWW-Projekten deutlich, in denen Lerner längere Zeit eigenständig arbeiten. Bevor darauf näher eingegangen wird, zunächst einige Spots auf bisherige WWW-Aktivitäten und sich abzeichnende Weiterentwicklungen.

Ich sehe zur Zeit bei Kolleginnen und Kollegen in vielen Ländern drei größere Anwendungsbereiche, in denen das Internet einen didaktischen Mehrwert bietet, um diesen kapitalen Begriff zu benutzen:

  • Projekte mit anderen Deutschlernern auf digitalen Plattformen
  • WWW-Projekte, die das Lehrbuch ergänzen
  • WebQuests als autonomere WWW-Projekte

1. Projekte mit anderen Deutschlernern auf digitalen Plattformen

Werfen wir zunächst einen Blick auf Kommunikationsprojekte, die im Fremdsprachenunterricht schon eine recht lange Tradition haben, denn mit E-Mails fing alles an, als die traditionelle Klassenkorrespondenz per Schneckenpost dem Ende entgegen ging. Damit war nicht mehr die Lehrkraft alleiniger Kommunikationspartner im Fremdsprachenunterricht, sondern entweder Muttersprachler oder andere Deutsch-als-Fremdsprache-lernende Klassen kommunizierten im Rahmen von Unterrichtsprojekten mit Deutschlernern. Trotz des Präteritums sind diese Projekte immer noch lebendig und haben weiterhin ihren didaktischen Stellenwert, wenn sie gut geplant und strukturiert sind. Das aber können Sie in Ruhe auf den Webseiten des Verfassers nachklicken  http://www.englisch.schule.de/dafemail.htm, wenn Sie darüber mehr erfahren möchten.

Mir gefällt es gut, in welche Richtung sich E-Mail-Projekte entwickeln, wenn digitale Plattformen benutzt werden. Auch wenn der Begriff merkwürdig klingt, dahinter verbirgt sich eine WWW-Adresse, die den Nutzern auf mehr oder weniger einfache Weise ermöglicht, Informationen auszutauschen und anderen Beteiligten zugänglich zu machen. Konkret: Auf WWW-Seiten können Texte geschrieben und kommentiert werden, Gruppen können sich mit Fotos und Filmchen vorstellen, Dokumente abgelegt und anderen zur Verfügung gestellt werden. Sozusagen ein digitaler Klassenraum, in dem Menschen die Möglichkeit haben, miteinander zu kommunizieren. Seit einigen Jahren wird diese Arbeitsform vor allem von finnischen KollegInnen in Form der "e-journale" intensiv genutzt, aber zunehmend mehr finden sich dort auch Deutschlehrkräfte aus unterschiedlichen Ländern zu gemeinsamen Projekten zusammen. Klicken Sie doch mal in das DaF-Journal Ihrer italienischen Kollegin Patrizia http://daf.eduprojects.net/daf10/ , das sie gemeinsam mit Kolleginnen aus Polen und den Niederlanden führt. Im DaF-Jornal 19 http://daf.eduprojects.net/daf19/  arbeiten vier Kolleginnen, die in Schulen in Polen, Ungarn, Serbien-Montenegro und Finnland Deutsch unterrichten, mit ihren Klassen zusammen. Kommunikationssprache ist Deutsch, und neben Saisonthemen wie Ostern und Weihnachten findet ein intensiver Informations- und Meinungsaustausch zu diversen interessanten Themen statt. Ich habe mir gerade die Powerpoint-Präsentation einer finnischen Schülerin über ihre Heimatstadt Mäntsälä angesehen: Sehr schöne Texte zu den informativen Fotos, finde ich. Da hätte ein in Ungarn Deutsch lernender Schüler bestimmt auch etwas hinzuzufügen, was bei den e-journalen nicht nur problemlos möglich, sondern unbedingt gewollt ist. Und schon kommt ein Kommunikationsprozess in Gang, der Nachfragen und Kommentare, eigene Texte oder Präsentationen beinhalten kann. Kann - denn wie auch bei E-Mail-Projekten entsteht Kommunikation nicht automatisch, sondern will initiiert und strukturiert werden. Hier sind wiederum die Lehrkräfte gefragt, die ihren Lernenden Zeit und Raum zur Verfügung stellen müssen, damit Texte und Präsentationen gelesen und verstanden werden, bevor Antworten geschrieben werden. Und ohne Reaktionen, Antworten, weitere Fragen und neuen Input entsteht weder bei traditionellen E-Mail-Projekten noch bei digitalen Plattformen eine echte zwischenmenschliche Kommunikation. Lehrkräfte sind gefragt, die didaktische und kommunikative Kompetenzen haben, um digitale Projekte für alle Beteiligten zu einem Gewinn für das Fremdsprachenlernen (und auch das interkulturelle Lernen, selbstverständlich!) zu machen. Natürlich geht das nicht ohne Computerkenntnisse, aber Spezialisten müssen Deutschlehrende nicht sein, um Lernarrangements zu gestalten - das machen Lernende mit Lehrbüchern und anderen Medien doch auch, also geht das auch, wenn digitale Arbeitsplattformen genutzt werden ohne Computerspezialist zu sein! Die Möglichkeiten der digitalen Plattformen werden zunehmen und "e-learning"-Möglichkeiten bieten, die für den Fremdsprachenunterricht fördernd und fordernd sind: Gemeinsame Projekte mit anderen Lernerinnen und Lernern jedenfalls sind damit sehr gut realisierbar, zumal die Lernenden mit diesem Medium selbstverantwortlich und kooperativ arbeiten können unter Rahmenbedingungen, die die Lehrkraft aufgrund ihrer Kompetenz schafft. Schauen Sie sich doch zum Beispiel mal  www.schola-21.de  an und klicken Sie auf "DO IT", wenn Sie neugierig geworden sind...


2. WWW-Projekte, die das Lehrbuch ergänzen

Das WWW hat sich als gut geeignetes ergänzendes Medium zur Lehrbucharbeit erwiesen, denn immer, wenn es um vertiefende Informationen, Aktualität, Bilder oder spezielle Fragestellungen geht, liefert es (wenn auch nicht sofort beim ersten Mausklick) Informationen in der Zielsprache. Natürlich kann von diesen authentischen Texten un