Interkulturelles Lernen & E-Mail-Projekte


Interkulturelles Lernen

Interkulturelles Lernen & Sprachverwendung

Literatur E-Mail & Interkulturelles Lernen

Interkulturelles Lernen

Die Interaktionen mit Schülerinnen und Schülern der Partnerklasse bringen, zumal E-Mail- Projekte einen Themenschwerpunkt haben, nicht nur faktische landeskundliche Informationen "straight from the horse’s mouth" ins Klassenzimmer, sondern ermöglichen interkulturelle Lernprozesse, die mit der traditionellen Lehrbucharbeit allein nicht möglich sind: "In dieser Kommunikation mit Gleichaltrigen anderer Länder und Kulturen erleben und erfahren die Schüler authentisch eine andere Wirklichkeit, sehen auf der anderen Seite aber auch, dass die ‘anderen’ dieselbe Musik hören, dieselben Dinge gern tun und dieselben Schwierigkeiten mit ihren Lehrern und Eltern haben. So werden nicht nur die Unterschiede, sondern auch die Gemeinsamkeiten deutlich" (Lichte 1994, 387).

Allerdings wird für den Bereich des interkulturellen Lernens die aktive Mitarbeit der Lehrkraft besonders benötigt: Interkulturelles Lernen läuft nicht automatisch ab, sondern beruht auf der Fähigkeit, "to ask questions that lead to even more questions", also dem skill, "of thinking and reflecting" (Fischer 1996, 7), wie Gerd Fischer, Fachberater Deutsch in Wisconsin, betont:

"We have partner schools, and we have the opportunity to work with them in order to get our questions answered. We do not have to simulate dialogs, but we can actually have real conversations with real people. I would suspect that this can get quite interesting if we allow our students to talk about the content that they want to talk about. It does not really matter to me what the students talk about as long as they learn through their conversations and that they find things out about their peers. It is important to me as a teacher that students use language for communication and that they realize in this process that they have to know another language. The organization of such learning experiences lies in the responsibility of the teachers: They need to know enough about their subject matter, i. e. about the other culture and its language, to help their students to ask interesting questions" (Fischer 1996, 7).

Wie schnell statt interkulturellen Lernens Misstöne die Kommunikation bestimmen können (vgl. Fischer 1994, Legutke 1996), mag an zwei kurzen Beispielen (zitiert sind jeweils nur die Anfangssätze) deutlich werden, die einem offenen Internetforum im Rahmen des "Transatlantischen Klassenzimmers" entstammen. Dort hatte eine Zehntklässlerin in einem recht individuellen Text ihre Meinung zum Thema "Adoption" formuliert, der mit folgenden (unkorrigierten) Sätzen beginnt:

"I want to talk to you about a special theme: children who are adopted. I think it must be terrible for these children when they find out that they are adopted, for me that means that his real parents do not love him". Zwei amerikanische Antworten zeigen die Verstörungen: "You have several misconceptions about adoption" (Lisa); "I have an adopted daughter and I find your letter very offensive and very much off base" (Nikki).

Ähnlich erging es der deutschen Zehntklässlerin mit einem anderen Thema, "Lesbian women and gay men", und ihrem Einführungssatz: "I think we should treat them like all the other people", der verstörte Antworten zur Folge hatte: "I feel this is a subject that we don’t need to discuss on the internet" (Wayne); "You have a very deranged mind if you think that it’s O.K. for people of the same sex to do what you SHOULD do to someone of the opposite sex" (Matt).

Solche "cultural clashes" können bei E-Mail-Projekten häufiger auftauchen. Um aus diesen Mißtönen individuelle und interkulturelle Lernprozesse initiieren zu können, bedarf es der strukturierenden Eingriffe der Lehrkraft, damit "Suchbewegungen des Fragens, des Vergleichens, des Erklärenwollens zur Entfaltung kommen, damit sie Hindernisse des Widerstands und der Bequemlichkeit überwinden" (Legutke 1996, 20).

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Interkulturelles Lernen und Sprachverwendung

Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen sprachlichem und interkulturellem Lernen, den wir aus der Lehrerperspektive erkennen und beeinflussen können. Um die zarte Pflanze des interkulturellen Lernens nicht schon im Keime zu ersticken, ist eine bewusste Sprachbenutzung unbedingt ratsam. Schülerinnen und Schüler haben -gerade vor dem Bildschirm- oft eine sehr enge Perspektive und machen sich über Wirkungen von flappsigen Bemerkungen oder four-letter words keine Gedanken, so dass wir mit ihnen gemeinsam die folgenden drei Aspekte berücksichtigen sollten:

Sprachstil: Generell sollten keine Texte verschickt werden, die von der Lehrkraft nicht wenigstens oberflächlich durchgesehen worden sind. Das Medium selbst sowie die Partnerarbeit am Computer sind aufgrund einer relativen Anonymität dazu angetan, spontane Formulierungen und witzig gemeinte Bemerkungen ebenso zu formulieren wie Obszönitäten, die aus einer Aneinanderreihung von stolz beherrschten four-letter words bestehen. Hier gilt es den Schülerinnen und Schülern klarzumachen, dass die Sprache von E-Mails eine bewusst gewählte sein sollte, zumal die Empfänger von locker formulierten und witzig gemeinten Texten nicht unbedingt lachend reagieren, sondern oft verstört und verständlicherweise beleidigt. Ein Satz wie "By the way, your German is horrible and you guys are full of prejudices" mag anders gemeint sein als er, herausgelöst aus dem Kontext, klingt, hat aber in einem E-Mail-Text nichts zu suchen und ist eher dazu angetan, einen Kommunikationsprozess abrupt zum Ende zu bringen, als interkulturelles Lernen zu ermöglichen.

Der Empfänger des freundlichen Hinweises "Please do not use the F-word in your documents! It has a very strong connotation in the English. I do not think you have a good enough grasp of our language to be referring to anything with such a vulgar term" könnte über seine Sprachbenutzung nachdenklich werden, dennoch hätten Irritationen schon vorab vermieden werden können. Bei der Arbeit im Computerraum sollten die Lehrkräfte unbedingt einen Blick auf den Bildschirm bzw. selbst auf die kurzen persönlichen Mitteilungen werfen, bevor diese abgeschickt werden, um ihren Schülerinnen und Schülern direkt erklären zu können, dass Sprache verletzend sein kann! Generell zeigt die Erfahrung, dass Schülertexte möglichst im Unterricht in Partner- bzw. Gruppenarbeit vorbereitet und als Hausaufgabe geschrieben werden sollten, damit sie sprachlich und inhaltlich fundiert sind.

Inhalt: Eine Zensur der Schülertexte findet statt? Zensur und Internet wollen nicht zueinander passen, aber E-Mail-Projekte sind keine Privatangelegenheit von Schülerinnen und Schülern, sondern Teil schulischer Arbeit! Selbstverständlich können Lehrkräfte lesen, was ihre Schüler schreiben, sollen dies sogar! Aber nicht, um klammheimlich unpassende Textteile zu löschen, sondern um im Gespräch mit ihren Schülerinnen und Schülern zu verdeutlichen, wie störanfällig die zarte Pflanze internationaler Kommunikation ist! Auch diese Ebene ist Bestandteil interkulturellen Lernens, das erst durch entsprechend geweckte Sensibilität stattfinden kann!

Fehler: Und diese vielen Fehler im sprachlichen Bereich! Schmerzlich reagiert der Englischlehrer auf den Satz "I have learnt English for 5 years". Hätte der nicht vorher korrigiert werden können? Hätte schon - aber verhindert er beim amerikanischen Empfänger das Verständnis des gesamten Vorstellungsbriefes? Wohl kaum, dennoch könnte er Anlass sein, in einer Englischstunde noch einmal auf die Verwendung des Present Perfect Progressive mit den immer schnell vergessenen "since" und "for"-Unterscheidungen zu wiederholen. Für mich gilt in der Praxis: Schülertexte, die zum Thema ausgetauscht werden, also inhaltlich intensiv erarbeitet worden sind, sollten auch sprachlich korrekt sein. Sie werden erst abgeschickt, wenn ich sie korrigiert habe. Die Texte, die die E-Mail-Kommunikation aufrechterhalten, über Wochenendaktivitäten oder Neuigkeiten vom Schulhof berichten, überfliege ich vor dem Absenden oberflächlich am Bildschirm und weise nur auf sinnentstellende oder niveaulose bzw. unpassende Formulierungen hin. Wie mit Fehlern in englischen Texten amerikanischer Schüler umgegangen wird, ist situationsabhängig, kann aber auch dazu dienen, auf lebendige Entwicklungen von Sprache hinzuweisen, selbst wenn diese nicht von den Wörterbüchern akzeptiert und in Klassenarbeiten als Fehler angestrichen werden. Ob in Texten von amerikanischen Kollegen oder von Schülern zu finden, die häufig auftauchende Schreibweise z. B. von "