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Finnland, PISA & wir
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Der folgende Aufsatz
ist unbedingt lesenswert, wenn es darum geht, das finnische mit dem
deutschen Schulsystem zu vergleichen und zu hoffen, dass wir
problemlos finnische Unterrichtsverhältnisse realisieren könnten. Dieser Aufsatz und weitere
Aufsätze zum Thema finden sich
im Web unter http://www.finland.de/pisa-studie/
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Aus: Zeitschrift "Freiheit der
Wissenschaft", 2/2002, Juni 2002
"Zur Binnenstruktur des finnischen Schulwesens"
Von Thelma von Freymann
Mit Befremden, ja Bestürzung verfolge ich, Finnländerin von Geburt,
die Kommentare der deutschen Medien zum PISA-Erfolg Finnlands und die
Schlußfolgerungen, die aus diesem Erfolg gezogen werden. Die
entscheidenden Faktoren werden meist ignoriert, wenn aber überhaupt
angesprochen, dann ungenau dargestellt oder so beiläufig erwähnt, daß
keinem deutschen Leser ihr zentraler Stellenwert als Ursachen der
finnischen Lernergebnisse klar werden kann. Es ist das Ziel dieses
meines Beitrags, die wichtigsten dieser bisher vernachlässigten
Faktoren in die Diskussion einzuführen.
Aus dem guten Abschneiden Finnlands sind im wesentlichen zwei Schlüsse
gezogen worden: - Das finnische Schulsystem sei als solches effektiver
als das dreigliedrige deutsche. Deshalb sei letzteres abzuschaffen und
ein Gesamtschulsystem einzuführen. - Der von finnischen Lehrkräften
gegebene Unterricht sei besser als der hierzulande übliche. Deshalb
sei Lehrerfortbildung zu forcieren.
Wer so argumentiert, kann kein Finnisch und weiß nicht, wie Schule in
Finnland funktioniert.
Das allgemeinbildende Schulsystem in Finnland
Schulträger sind in der Regel die Gemeinden. Die Schulen haben eine
sehr weitgehende Autonomie, sogar in Bezug auf den Lehrplan. Lehrkräfte
sind nicht Beamte, sie werden zu einem großen Teil nach Bedarf
eingestellt und entlassen. 40 % aller finnischen Schulen haben weniger
als 50 Schüler, 60 % haben weniger als sieben Lehrkräfte. Über 500
Schüler haben ganze 3 % aller Schulen. Schon daraus erklärt sich der
finnische Erfolg zu einem guten Teil: Gerade die lernschwächeren
Kinder gedeihen in einer intimen Lernumwelt weit besser als in einer
anonymeren.
Die Schulpflicht beginnt im Jahr des siebten Geburtstages und endet
mit der 9. Klasse. Es gibt keine Sonderschulen L. Sitzenbleiben gibt
es de jure noch, es wird aber nur in extremen Ausnahmefällen
verhängt und spielt für die Statistik keine Rolle. Das Schuljahr
beginnt Mitte August und endet in den ersten Junitagen, die
Sommerferien dauern also zweieinhalb Monate. Die Schulwahl ist frei,
niemand muß sein Kind in die nächstgelegene Schule schicken, wenn er
eine andere für besser hält.
Die erste Schulform ist die 6jährige Unterstufe. Davon gibt es
landesweit ungefähr 3000. Die Klassenlehrerin unterrichtet meist alle
Fächer außer den Fremdsprachen.
Die zweite Schulform ist die 3jährige Oberstufe (Schuljahre 7 - 9).
Davon gibt es landesweit ungefähr 600. Den Unterricht erteilen
Fachlehrer.
Diese beiden Schulformen sind normalerweise institutionell getrennt.
Beide unter einem Dach gibt es nur in Ballungsregionen und auch dort
so selten, daß sie statistisch nicht ausgewiesen werden. Zusammen
machen die beiden Schulformen die peruskoulu aus - wörtlich:
die "Grundschule". Diese wird in den deutschen Medien meist
"Gesamtschule" genannt, obwohl eine deutsche Gesamtschule
die Jahrgänge 5 - 13 führt, nicht 1 - 9. Außerdem kann letztere
mehr als tausend Schüler haben und dann auch weit mehr als hundert
Lehrkräfte - aus der Sicht finnischer Pädagogik die reine Barbarei.
Die in Deutschland irreführenderweise "Gesamtschulen"
genannten finnischen Schulen sind dermaßen anders als deutsche
Gesamtschulen, daß die Verwendung eines und desselben terminus
technicus für beide Schulgestalten völlig falsche Vorstellungen
einschleift. Aus diesem Grunde habe ich selbst den gängigen
Sprachgebrauch nicht übernommen.
Die dritte Schulform ist die lukio. Davon gibt es
landesweit ungefähr 400. Sie führt keine Jahrgangsklassen, sondern
arbeitet mit einem reinen Kurssystem. Je nach Begabung, Fleiß und
angestrebtem Notendurchschnitt kann man das Abitur nach zwei, drei
oder vier Jahren ablegen. Dabei handelt es sich um ein scharfes
Zentralabitur, bei dem nicht nur die Aufgaben zentral gestellt,
sondern auch die Arbeiten der Prüflinge zentral korrigiert werden.
Ihre eigenen Lehrkräfte haben keinen Einfluß auf die Zensuren.
Der Notendurchschnitt ist von entscheidender Bedeutung, wenn man
studieren will, denn das Abitur als solches begründet keinen Anspruch
auf einen Studienplatz. Wenn das Zeugnis gut genug ist, kann man sich
um einen solchen bewerben. Ob man ihn bekommt, entscheidet allein der
zuständige Fachbereich an der Universität. Die Zahl der Studienplätze
richtet sich nach der Gesamtkapazität des Lehrkörpers im
Fachbereich. Die Überfüllung von Lehrveranstaltungen als Ausweg aus
dem Kapazitätsdilemma steht außerhalb jeder Diskussion: Sie ginge ja
auf Kosten der Ausbildungsqualität. In dem Studiengang, der dem
hiesigen "für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen"
entspricht, bekommen normalerweise etwa 30 % der Bewerber einen Platz.
Das Schulpersonal
Zum Personal einer jeden Schule gehören nicht nur Schulleitung,
Klassenlehrerinnen und -lehrer sowie Fachlehrkräfte. Die nachstehend
Genannten müssen mindestens einen Tag wöchentlich in der Schule präsent
sein, und sei sie noch so klein. In großen Schulen sind sie es täglich.
1. Eine Schulschwester. Sie ist ihrer Grundausbildung nach
Krankenschwester, hat aber eine Zusatzausbildung für vorbeugende
Gesundheitsarbeit. Das Berufsbild ist in Deutschland unbekannt.
2. Eine Kuratorin. Sie hat eine sozialpädagogische Ausbildung
und ist für alle Probleme zuständig, die "sozialer" Natur
sind. Gibt es z.B. in einer Klasse Konflikte zwischen zwei Cliquen,
ist es nicht Sache der Klassenlehrerin, sich damit zu befassen. Sie
schickt die Betreffenden zur Kuratorin, deren Kompetenz u.a.
gruppentherapeutische Methoden umfaßt. Auch bei Problemen, die man
nur in Kooperation mit dem Elternhaus angehen kann - z.B. Schwänzen -
ist die Kuratorin zuständig, nicht die Lehrkraft.
3. Eine Psychologin. Oft gehen Kinder von sich aus zu ihr,
nicht auf Grund einer Überweisung durch die Klassenlehrerin. Ein
unter Schweigepflicht stehender Erwachsener, der Zuwendung und
Kompetenz einbringt, mit dem man also über seine Probleme offen reden
kann, ist für viele Kinder und Jugendliche ungeheuer wichtig. Die
Klassenlehrerin hat dafür nicht einmal die Zeit, die ein
"Klient" braucht, von der Qualifikation gar nicht zu reden.
Selbstverständlich kann die Schulpsychologin keine Psychotherapie im
eigentlichen Sinn des Wortes leisten, aber sie ist für
individualpsychologische Probleme zuständig. Beispiel: Eine gute Schülerin
sackt in ihren Leistungen plötzlich ab. Sie ist nicht imstande, sich
auf den Unterricht zu konzentrieren: Ihr Bruder hatte einen schweren
Unfall und liegt für lange Zeit im Krankenhaus. Dieses Mädchen
braucht nicht Lernhilfe, sondern Unterstützung bei der Verarbeitung
ihres Kummers. Wenn sie die bekommt, wird sie sich auch wieder auf
Lernprozesse einlassen können.
4. Eine Speziallehrerin. Ihre Ausbildung sieht folgendermaßen
aus: Zuerst Klassenlehrerin, mindestens zwei Jahre Schulpraxis nach
beendeter Ausbildung, dann ein Jahr an der Universität mit einem
extrem intensiven Lehrplan, der von den physiologischen Grundlagen über
diagnostische Kompetenz bis hin zu einer differenzierten
Methodenpalette alles vermittelt, was sie für ihre Aufgabe braucht.
Diese besteht darin, für die Schwachen unter den Schülern zu sorgen.
Wenn ein Kind im Klassenunterricht nicht richtig mitkommt, wird sie
erst einmal in die Klasse gerufen, beobachtet, was da läuft, und berät
die Klassenlehrerin. Ggf. übernimmt sie dann das Kind für bestimmte
Stunden und gibt ihm gezielten Einzelunterricht oder
Kleingruppenunterricht in den Inhalten bzw. Verfahren, die es nicht
bewältigt. Oft hat es nach kurzer Zeit wieder den Anschluß an die
Klasse.
Das ursprüngliche Organisationsmodell sah für je drei Klassen eine
Speziallehrerin vor. Heute ist die Wirklichkeit davon recht weit
entfernt, hauptsächlich, weil es an Lehrerinnen und Lehrer mit
Spezialausbildung mangelt, aber z.T. auch aus finanziellen Gründen.
5. In Schulen mit größeren Lerngruppen gibt es eine
unbestimmte Anzahl von Assistenten, die keine Ausbildung haben und auf
Stundenbasis arbeiten. Das können z.B. Abiturienten sein, die auf
einen Studienplatz warten, oder Hausfrauen, die ihren Beruf nicht ausüben.
Sie arbeiten nicht eigenverantwortlich und sind kein Ersatz für
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