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Pressetext
Interview Reinhard Donath, Ulricianum,
Aurich
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Bonn, den 18. April 1996
Die
Künstlichkeit des normalen Sprachunterrichts
fällt weg. Auricher Gymnasium ist seit
über sieben Jahren im Netz. Durch Schulen
ans Netz will es jetzt das Wissen der
Welt anzapfen.
Das
Gymnasium Ulricianum in Aurich/Ostfriesland
zählt zu den deutschen
Pionierschulen bei der Anwendung
neuer Medien im Unterricht. Die 350 Jahre alte
Schule beteiligt sich seit Ende der 80er Jahre an
internationalen Projekten, wie Campus 2000 oder
Learning Network. Die Schüler und Schülerinnen
haben in den vergangenen Jahren zahlreiche
Internet-Klassenpartnerschaften mit
Schulen in New York oder Australien aufgebaut.
Für Schlagzeilen sorgte das Projekt
Englisch in der Bronx.
Reinhard
Donath unterrichtet seit 15 Jahren Englisch und
Deutsch am Gymna- sium Ulricianum. Seit acht
Jahren setzt er sich aktiv für den Einsatz der
Tele- kommunikation im Fremdsprachenunterricht
ein. Er hat am niedersächsischen Modellversuch
Telekommunikation teilgenommen und
ist Koordinator für Internet-Projekte des
Goethe-Instituts.
Warum
wollen Sie mit Ihrer Schule ans Netz?
R. Donath:
Wenn wir in einer Informationsgesellschaft leben
und Schülerinnen und Schüler auf diese
Informationsgesellschaft vorbereiten müssen,
dann muß das zwangsläufig in der Schule
passieren. Und zwar nicht nach dem Motto: Alles
Wissen finden wir im Schulbuch. Wenn es heute
heißt, das Wissen dieser Welt ist verfügbar,
dann muß ich auch zeigen, wie sie an das Wissen
rankom- men und zeigen, wo beim Online-Surfen
landen.
Worin
sehen Sie derzeit die größten Probleme, neue
Technik und Medien in der Schule zu nutzen?
Das hängt
unter anderem damit zusammen, daß aufgrund von
finanziellen Problemen Zugänge zu
Online-Diensten in den wenigsten Schulen
vorhanden sind. Wenn ich in einer Großstadt
sitze, habe ich ein Riesenangebot von Providern
und nur lokale Telefonkosten. Wenn ich auf dem
Land wohne, zum Beispiel in Aurich, kann ich
entweder T-Online zum Ortstarif oder andere
Online-Dienste zum Ferntarif nutzen. Da kann ich
durch die Ferntarife auf erhebliche Kosten
kommen. Das ist ein Problem, mit dem im Moment
kein Schulträger klarkommt.
Wie
können Online-Dienste in der Schule sinnvoll
eingesetzt werden?
Wenn ein
Kollege mit dem Online-Unterricht anfängt, dann
beginnen auch die Probleme. Wonach sollen die
Schüler eigentlich suchen? Dagegen bietet ein
Lehrbuch didaktisch aufbereitete Information.
Aber was mache ich jetzt mit dem World Wide Web
(WWW). Es reicht nicht aus, den Schülern nur
eine Adresse im Internet zu geben auch
wenn man entdeckendes Lernen didaktisch vertreten
kann. Es ist wesentlich vernünftiger, Konzepte
in Anlehnung an das Lehrbuch zu entwickeln.
Wie
setzen Sie neue Medien im Unterricht ein?
Wir haben
einige Internetklassenpartnerschaften. Wir
arbeiten sechs Wochen zusammen, nehmen uns ein
Thema und kommunizieren mit- einander.
Kommunizieren heißt erstens Austausch auf
persönlicher Schiene und zweitens thematischer
Austausch. Das können Themen wie Schulsystem,
Arbeitslosigkeit oder Freizeitverhalten sein.
Nach diesem Prinzip laufen Projekte an vielen
Schulen in Deutschland. Allerdings, um Kosten zu
sparen, zum größten Teil auf Mailbox-Ebene,
also offline. Was wir jetzt wollen, ist das echte
Online-Arbeiten. Dadurch können Schüler
zusätzlich zu dem Austausch von persönlichen
Texten weitere Informationen einbeziehen.
In
welchen Klassenstufen machen Sie diesen
Unterricht?
Wir haben
angefangen in der 8. Klasse mit dem
Bronx-Projekt. Optimal ist es ab der 9. Klasse.
Da ist das Sprachvermögen eigentlich so weit,
daß die Schülerinnen und Schüler das
ausdrücken können, was sie wollen.
Was
versteckt sich hinter dem Bronx-Projekt?
Wir hatten
gerade in einer 8. Klasse das Thema Schulsystem
USA. Zufällig habe ich im Netz einen Lehrer in
der Bronx getroffen, der eine
Partnerklasse in Deutschland suchte. Wir haben
dann das Projekt The perfect school
anhand einer Kurzgeschichte von Isaak Asimow
realisiert. Auf diese Art und Weise haben wir gut
sechs Wochen zusammengearbeitet, erst die
perfekte Schule beschrieben, dann in der Woche
darauf die reale Schulsituation. Meine Schüler
haben dabei nicht nur englisch gelernt, das kann
man sich sicher vorstellen.
Wie
hat diese Art Unterricht denn bei Ihnen
angefangen?
1988 sind
wir in das pädagogische System Campus World in
England eingestiegen. Auf diese Art hatten wir
Kontakt zu englischen Partner- schulen. Wir haben
auch an sogenannten International Newspaper Days
teilgenommen. Da haben die Schüler aus
Presseagenturmaterial eine Tageszeitung auf
englisch gemacht. Wir sind bisher dreimal Sieger
gewesen European First Prize.
Wie
stellen Sie sich Unterricht mit Online-Diensten
vor?
Nehmen wir
das Beispiel Englischunterricht 10. Klasse. Im
Lehrbuch gibt es zwei Seiten zu The Great Lakes
und Chicago. Was man über Chicago erfährt,
wissen die Schüler sowieso aufgrund ihres
Fernsehkonsums. Außerdem stim- men einige Zahlen
nicht mehr, da das Lehrbuch von 1989 ist.
Will ich
also wissen, was Chicago bietet, gehe ich ins
Netz. Über die Touris- mus-Zentrale Chicago
bekomme ich aktuelle Infos. Ich hole mir die
aktuelle Einwohnerzahl beziehungseise aktuelle
Seiten aus der Chicago Tribune oder Chicago
Herald.
Besteht
nicht die Gefahr, daß die Schüler kein
vernünftiges Englisch mehr lernen?
Das wäre
dann der Fall, wenn wir nur noch Online-Lernen
praktizieren würden ohne gemeinsames
Lehrbuch. Das wird in den nächsten zehn Jahren
nicht Realität sein. Ich denke, das Lehrbuch
wird als gemeinsame Lerngrundlage auch weiterhin
seinen Stellenwert behalten. Es wird nur so sein,
daß das Lehrbuch durch Online-Projekte ergänzt
wird.
Aber
das Modell des Sprachenlernens wird ein bißchen
auf den Kopf gestellt. Normalerweise sind
Lerninhalte lektionsmäßig aufgebaut. Es lernen
alle zehn Wörter, dann alle die selben 100
Wörter. Wie funktioniert das bei
Online-Unterricht?
Eigentlich
ziemlich problemlos. Ich muß nur zwischendurch
ge meinsame Lernsituationen herstellen. Jede
Gruppe berichtet, was sie gemacht und gelernt
hat. Zu jedem Thema gibt es ein spezifisches
Vokabular. Die interessantesten Vokabeln werden
vorgestellt. Wenn das jede Gruppe macht, ist am
Ende einer solchen Phase ein gemeinsames
Vokabular von 30 oder 35 neuen Begriffen an der
Tafel, die von allen gelernt werden.
Ich merke
auch sehr schnell, wo die Grammatik nicht sitzt.
Das nutze ich wieder für meinen normalen
Unterricht. Oder ich verteile interessante Texte
an alle und ganz am Schluß und das halte
ich für sehr wichtig werden die
Ergebnisse in Form einer Broschüre, eines
Readers oder einer Zeitung umgesetzt. Und die-
ses kann wie ein Lehrbuch für die nächsten
normalen Unterrichtsgegenstand sein.
Aber
was haben Lehrer anderer Fächer davon?
Die
Schüler müßten Zeit haben, sich an ganzen
Projekttagen damit zu beschäftigen. Das Motto:
Heute 1. bis 6. Stunde Thema Chicago. Der Erd-
kundelehrer in der zweiten Stunde, der Biolehrer
in der dritten. Und dann infor- mieren sich die
Schüler zielgerichtet, und am Schluß dieses
Projekttages stel- len sie die Ergebnisse
schriftlich zusammen.
Was
ist der wesentliche Unterschied zu heutigen
Unterrichtsformen?
Es ist
nicht mehr der Lehrer, der vorne steht und sagt:
So jetzt Buch Seite 68 aufschlagen, den Text
vorlesen, analysieren und Hausaufgaben machen. Es
ist reale Kommunikation mit real existierenden
Kommunikationspartnern zu einem Thema, das die
Leute interessiert. Alles in einer Fremdsprache.
Das heißt, wir haben die Möglichkeit, Lernen
anders zu organisieren: Selbstbestimmt, zusammen
mit einem Partner oder in einer Gruppe und
relativ unabhängig von einer Lehrerin oder vom
Lehrer.
Wie
reagieren die Schüler auf neue Medien im
Unterricht?
Positiv und
sehr motiviert, weil das eine gänzlich andere
Arbeitsform ist, da mindestens zwei Leute
miteinander arbeiten. Der Dreh- und Angelpunkt
ist für sie einfach, selber aktiv zu sein.
Wie
sieht bei diesem Untericht die Lehrerrolle aus?
Die
Lehrerrolle ist hochinteressant, weil er nicht
der vermeintlich Allwissende ist, sondern Berater
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