Reinhard Donath: Englischunterricht in der Informationsgesellschaft
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Aurich: Computer-Revolution in der Schule
SPIEGEL-Archiv 10/97 Seite 78 SCHULE

Fit fürs wahre Leben

Ein Gymnasiallehrer im ostfriesischen Aurich treibt die Computer-Revolution im Klassenzimmer voran.
 
Moin, moin!" Egal ob morgens oder spät in der Nacht, beim Bäcker oder Bürgermeister, ein anderer als der friesische Nationalgruß würde ihm nie über die Lippen kommen. Reinhard Donath ist Lehrer am Gymnasium Ulricianum in Aurich, in tiefer ostfriesischer Provinz, dort, wo das Land flach ist und das Gehirn der Einheimischen, glaubt man den einschlägigen Witzen, kaum größer als ein Hühnerei.
 
In seiner Freizeit schmettert der Pädagoge mit dem auf die Brust fallenden Bart im lokalen Chor Lieder aus Südamerika oder von Tucholsky, bastelt auf dem Dachboden seines kleinen Backsteinhauses an der Modelleisenbahn; und abends trinkt er gern ein Bier in der Kneipe "Börse". Ein durchschnittlicher Pauker, der auf den ersten Blick in keinem deutschen Lehrerzimmer auffallen würde.
 
Dabei ist der stets gut gelaunte Anglist ein weltläufiger Mann, begehrt von Hamburg und München bis Stockholm, Paris und Los Angeles. Schulleiter, Chefs von großen Verlagen und Minister blicken nach Aurich, Donath kann sie gar nicht alle wahrnehmen, die Einladungen zu Kongressen und Symposien.
 
Donath ist seit rund zehn Jahren in zukunftweisender pädagogischer Mission unterwegs, sein Auftrag: Schule und Computer kompatibel zu machen. Kaum ein anderer Lehrer in der Bundesrepublik hat soviel dafür getan, die Kulturrevolution der Bits und Bytes mit dem Schulalltag zu verbinden.
 
Derzeit diskutieren die Schüler seines Leistungskurses Englisch per E-Mail mit Studenten der University of Minnesota in den Vereinigten Staaten über ihre Zukunft nach Abitur und Examen. Sie erkundigen sich über Studienmöglichkeiten in den USA oder erklären ihren amerikanischen Partnern, was Zivildienst ist.
"Die Künstlichkeit des Schulbuch-Unterrichts fällt weg", sagt Donath, "und ganz nebenbei werden die Schüler fit für das 21. Jahrhundert."
 
Dreht sich der Unterricht um den Nordirland-Konflikt, besorgen sich die Mädchen und Jungen über das Internet aktuelle Zeitungsartikel aus der irish times, landeskundliche Informationen bietet der "Virtual Tourist Guide to Ireland" im World Wide Web. Selbst wenn Shakespeare auf dem Plan steht, finden sich im globalen Datennetz Informationen von der Werkgeschichte bis hin zur neuesten Verfilmung von "Romeo und Julia" mit den Hollywood-Stars Claire Danes und Leonardo DiCaprio.
 
Längst ist die Gesellschaft auf dem Sprung vom Industrie- zum Informationszeitalter, immer dichter umspannt ein Netz aus Datenleitungen die Erde, das elektronisch gespeicherte Wissen der Menschheit vermehrt sich explosionsartig. Nur die Schulen haben den technischen Fortschritt lange Zeit verschlafen, obwohl es kaum noch Berufe gibt, in denen Jugendliche nicht mit dem Rechner arbeiten müssen.
 
Die bundesweite Initiative "Schulen ans Netz" will in den nächsten Jahren rund 10 000 Bildungsanstalten mit einem Datenanschluß ausstatten, doch noch pflegen viele Lehrer die alten Vorurteile, der Computer würde die Kinder nur ihrer natürlichen Umwelt entfremden und die Kommunikation zwischen den Menschen zerstören.
 
Donath dachte lange Zeit genauso. Bis er Ende der achtziger Jahre von der Möglichkeit erfuhr, elektronische Post zwischen deutschen und amerikanischen Schulen hin und her zu schicken. "Da war der Dorfschullehrer aus Ostfriesland fasziniert, und ihm wurden die enormen Möglichkeiten klar, die der Computer für die Schule bietet", erzählt er noch heute mit Begeisterung und ist stolz auf seine Weitsicht.
 
Mit einer Arbeitsgemeinschaft seiner Schule haben er und ein Lehrerkollege bereits dreimal einen Preis beim Schülerzeitungswettbewerb "International Newspaper Day" gewonnen. Die Schulen erhalten morgens per Telefonleitung, Modem und Computer aktuelle Agenturmeldungen, und abends muß eine englischsprachige Zeitung in den Druck gehen. Das Englischniveau der Auricher Schüler, lobte die Times, Mitveranstalterin des Wettbewerbs, sei höher als das vieler ihrer englischen Konkurrenten.
 
Als im letzten Jahr das Jubiläum "350 Jahre Ulricianum" anstand, handelte eine Schülergruppe einen besonderen Deal mit der Schulleitung aus: Statt die Gestaltung der über 400 Seiten dicken Festschrift bei einer Firma in Auftrag zu geben, spendierte der Direktor die veranschlagten 15 000 Mark für Hardware und Software. In monatelanger freiwilliger Arbeit produzierten die Schüler den Hochglanz-Wälzer am Computer selbst - auf hohem professionellen Niveau.
 
Donath gilt inzwischen als Koryphäe. Das Kultusministerium in Hannover hat seine Wochenstunden halbiert, damit er den Computer als Lehrmittel auch seinen niedersächsischen Kollegen und dem Lehrernachwuchs näherbringen kann.
 
Der Oberstudienrat aus Aurich lehrt nebenher an der Uni Oldenburg Multimedia für den Englischunterricht, hält bundesweit Fortbildungskurse für Pädagogen, berät das Goethe-Institut, vermittelt internationale Klassenpartnerschaften im Internet, schreibt für Schulbuchverlage und Fachzeitschriften. Mehrmals hat ihn das Goethe-Institut in die USA geschickt, denn, so Donath, "auch amerikanische Lehrer haben Angst vor dem Computer".
 
Dabei ist der stets leger in Jeans gekleidete Lehrer kein Technik-Freak. Behauptungen, die elektronischen Rechner könnten in Zukunft den Lehrer ersetzen, hält er für "ausgemachten Blödsinn".
Und daß auch weiterhin in vielen Schulstunden gänzlich ohne High-Tech gelernt wird, ist für ihn selbstverständlich. "Der Computer ist ein Werkzeug, das entscheidende Hilfsmittel der Zukunft, aber auch nicht mehr."
 
Der ostfriesische Gymnasiallehrer kann bis heute nicht programmieren und will es auch gar nicht lernen: "Das ist nur etwas für Spezialisten, das braucht doch kein Mensch im wirklichen Leben."

<c> DER SPIEGEL 10/1997 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags

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