Fit fürs wahre Leben 
- Ein
Gymnasiallehrer im ostfriesischen Aurich
treibt die Computer-Revolution im
Klassenzimmer voran.
-
- Moin,
moin!" Egal ob morgens oder spät in
der Nacht, beim Bäcker oder
Bürgermeister, ein anderer als der
friesische Nationalgruß würde ihm nie
über die Lippen kommen. Reinhard Donath
ist Lehrer am Gymnasium Ulricianum in
Aurich, in tiefer ostfriesischer Provinz,
dort, wo das Land flach ist und das
Gehirn der Einheimischen, glaubt man den
einschlägigen Witzen, kaum größer als
ein Hühnerei.
-
- In seiner
Freizeit schmettert der Pädagoge mit dem
auf die Brust fallenden Bart im lokalen
Chor Lieder aus Südamerika oder von
Tucholsky, bastelt auf dem Dachboden
seines kleinen Backsteinhauses an der
Modelleisenbahn; und abends trinkt er
gern ein Bier in der Kneipe
"Börse". Ein
durchschnittlicher Pauker, der auf den
ersten Blick in keinem deutschen
Lehrerzimmer auffallen würde.
-
- Dabei ist der
stets gut gelaunte Anglist ein
weltläufiger Mann, begehrt von Hamburg
und München bis Stockholm, Paris und Los
Angeles. Schulleiter, Chefs von großen
Verlagen und Minister blicken nach
Aurich, Donath kann sie gar nicht alle
wahrnehmen, die Einladungen zu Kongressen
und Symposien.
-
- Donath ist
seit rund zehn Jahren in zukunftweisender
pädagogischer Mission unterwegs, sein
Auftrag: Schule und Computer kompatibel
zu machen. Kaum ein anderer Lehrer in der
Bundesrepublik hat soviel dafür getan,
die Kulturrevolution der Bits und Bytes
mit dem Schulalltag zu verbinden.
-
- Derzeit
diskutieren die Schüler seines
Leistungskurses Englisch per E-Mail mit
Studenten der University of Minnesota in
den Vereinigten Staaten über ihre
Zukunft nach Abitur und Examen. Sie
erkundigen sich über
Studienmöglichkeiten in den USA oder
erklären ihren amerikanischen Partnern,
was Zivildienst ist.
- "Die
Künstlichkeit des Schulbuch-Unterrichts
fällt weg", sagt Donath, "und
ganz nebenbei werden die Schüler fit
für das 21. Jahrhundert."
-
- Dreht sich
der Unterricht um den
Nordirland-Konflikt, besorgen sich die
Mädchen und Jungen über das Internet
aktuelle Zeitungsartikel aus der irish
times, landeskundliche Informationen
bietet der "Virtual Tourist Guide to
Ireland" im World Wide Web. Selbst
wenn Shakespeare auf dem Plan steht,
finden sich im globalen Datennetz
Informationen von der Werkgeschichte bis
hin zur neuesten Verfilmung von
"Romeo und Julia" mit den
Hollywood-Stars Claire Danes und Leonardo
DiCaprio.
-
- Längst ist
die Gesellschaft auf dem Sprung vom
Industrie- zum Informationszeitalter,
immer dichter umspannt ein Netz aus
Datenleitungen die Erde, das elektronisch
gespeicherte Wissen der Menschheit
vermehrt sich explosionsartig. Nur die
Schulen haben den technischen Fortschritt
lange Zeit verschlafen, obwohl es kaum
noch Berufe gibt, in denen Jugendliche
nicht mit dem Rechner arbeiten müssen.
-
- Die
bundesweite Initiative "Schulen ans
Netz" will in den nächsten Jahren
rund 10 000 Bildungsanstalten mit einem
Datenanschluß ausstatten, doch noch
pflegen viele Lehrer die alten
Vorurteile, der Computer würde die
Kinder nur ihrer natürlichen Umwelt
entfremden und die Kommunikation zwischen
den Menschen zerstören.
-
- Donath dachte
lange Zeit genauso. Bis er Ende der
achtziger Jahre von der Möglichkeit
erfuhr, elektronische Post zwischen
deutschen und amerikanischen Schulen hin
und her zu schicken. "Da war der
Dorfschullehrer aus Ostfriesland
fasziniert, und ihm wurden die enormen
Möglichkeiten klar, die der Computer
für die Schule bietet", erzählt er
noch heute mit Begeisterung und ist stolz
auf seine Weitsicht.
-
- Mit einer
Arbeitsgemeinschaft seiner Schule haben
er und ein Lehrerkollege bereits dreimal
einen Preis beim
Schülerzeitungswettbewerb
"International Newspaper Day"
gewonnen. Die Schulen erhalten morgens
per Telefonleitung, Modem und Computer
aktuelle Agenturmeldungen, und abends
muß eine englischsprachige Zeitung in
den Druck gehen. Das Englischniveau der
Auricher Schüler, lobte die Times,
Mitveranstalterin des Wettbewerbs, sei
höher als das vieler ihrer englischen
Konkurrenten.
-
- Als im
letzten Jahr das Jubiläum "350
Jahre Ulricianum" anstand, handelte
eine Schülergruppe einen besonderen Deal
mit der Schulleitung aus: Statt die
Gestaltung der über 400 Seiten dicken
Festschrift bei einer Firma in Auftrag zu
geben, spendierte der Direktor die
veranschlagten 15 000 Mark für Hardware
und Software. In monatelanger
freiwilliger Arbeit produzierten die
Schüler den Hochglanz-Wälzer am
Computer selbst - auf hohem
professionellen Niveau.
-
- Donath gilt
inzwischen als Koryphäe. Das
Kultusministerium in Hannover hat seine
Wochenstunden halbiert, damit er den
Computer als Lehrmittel auch seinen
niedersächsischen Kollegen und dem
Lehrernachwuchs näherbringen kann.
-
- Der
Oberstudienrat aus Aurich lehrt nebenher
an der Uni Oldenburg Multimedia für den
Englischunterricht, hält bundesweit
Fortbildungskurse für Pädagogen, berät
das Goethe-Institut, vermittelt
internationale Klassenpartnerschaften im
Internet, schreibt für Schulbuchverlage
und Fachzeitschriften. Mehrmals hat ihn
das Goethe-Institut in die USA geschickt,
denn, so Donath, "auch amerikanische
Lehrer haben Angst vor dem
Computer".
-
- Dabei ist der
stets leger in Jeans gekleidete Lehrer
kein Technik-Freak. Behauptungen, die
elektronischen Rechner könnten in
Zukunft den Lehrer ersetzen, hält er
für "ausgemachten Blödsinn".
- Und daß auch
weiterhin in vielen Schulstunden
gänzlich ohne High-Tech gelernt wird,
ist für ihn selbstverständlich.
"Der Computer ist ein Werkzeug, das
entscheidende Hilfsmittel der Zukunft,
aber auch nicht mehr."
-
- Der
ostfriesische Gymnasiallehrer kann bis
heute nicht programmieren und will es
auch gar nicht lernen: "Das ist nur
etwas für Spezialisten, das braucht doch
kein Mensch im wirklichen Leben."
<c> DER SPIEGEL 10/1997 - Vervielfältigung nur mit
Genehmigung des SPIEGEL-Verlags
|